Amok im Orangensaft

von Tina Wiegand

In einem Wespensommer bleibt ein vergessenes Glas Orangensaft nicht lange alleine. Ein Bündel Insekten verfängt sich im Glas und eine Wespe strampelt der anderen auf den Rücken, um über Wasser, oder besser Saft, zu kommen. Die, die durch das Gewicht der anderen nach unten gedrückt werden, ertrinken. In einem verzweifelten Gewaltakt versucht jede Wespe zu verhindern, ganz unten zu landen.

Die Gesetze des übervölkertes Wespenglases gelten auch im menschlichen Armutssystem. Wie den Wespen die Luft, so fehlt den Menschen hier die frei atmende Perspektive. Die Lebensenergie des Nächsten reicht gerade für den nächsten Atemzug im Smog der seelischen Gewalt. Verletzte Seelen können nicht fliegen und verletzte Egos nicht lieben. Darum walzt der Kampf um den Futternapf die Ethik nieder und betoniert den Boden für Gier, Geiz und Missgunst. Der Underdog seit Kindesalter hat eine Fußabtreter-Gegenwart mit einer Fußabtreter-Zukunft. Niemand hält an sich oder sich an Grenzen. Respekt? Fremdworte im Orangensaft. Es gibt Hysterie und geschrieene Fäkalsprache, Triebabfuhr und gewalttätige Dominanz. Die Niedertracht ist die Herrscherin des Tages, die Gewalt Herrscher der Nacht. Es ist alles unfassbar laut, um die Mahnungen der inneren Stimmen zu übertönen.

Anders als die Wespen können sich Menschen Waffen besorgen, um sich den Weg frei zu schießen. Wenn das Trauma die Entscheidung in die gemarterten Neven gemeißelt hat, ist da dieser Ausblick auf Ruhe, ewige Ruhe. Der Weg zu dieser brutalen Entscheidung ist nicht der kürzeste, sondern geht in Etappen vor sich. Zuerst hämmern kreischende Nerven lärmenden Schmerz in die schlaflosen Nächte. Jahrelang. Verzweifelt tastet der überreizte Intellekt im Dunkeln nach Lösungen. Reden? Streiten? Treten? Sie hören auch nachts nicht auf, denn der Schock wiederholt die Szenen der Qual in inneren Bildern immer und immer wieder. Verbale Faustschläge zerschmettern das Vertrauen. Auch morgen wieder. Bis die Resignation einsetzt. Das Entsetzen über die Unabwendbarkeit hat die Seele durch das Nicht-Gefühl in die Sozialphobie gezwungen. Die Flucht gelingt. Im Rückzug öffnet das Internet seine tröstenden Spinnen-Arme. Spielen. Sich vergessen und einfach spielen. Im Schießen, der männlichsten aller Beschäftigungen, richtet sich die Selbstwirksamkeit wieder auf. Mit phallischen Kanonen bleiernen Samen in feindliche Lager katapultieren, Transformation erzwingen und Platz machen! Immer und immer wieder, bis diese sägende Ohnmacht aufhört!

Die Geräusche des Sieges melken Endorphine ins Blut. Plötzlich ist da Zufriedenheit, fast Glück – ein Gefühl, dass es draußen nicht gibt. Das Licht des Bildschirms fesselt die Augen und der sanfte, entspannende Alpha-Zustand der Hypnose setzt ein. Immer weiter üben, bis die Sucht zum Korsett wird. Korsetts geben Halt in einer haltlosen Welt. Halt und Ruhe helfen demjenigen zu sich selbst zurück, der außer sich geraten ist. Gehalten werden, bis er sich beruhigt hat. Das wäre gut. Doch Bedürfnisse ersticken im Elektrosmog.

Die Reste der Sehnsucht nach starker, kraftvoller Führung, die einen gangbaren Weg weist, werden vom nächsten Tag zersetzt. Vorbilder und Orientierungspersonen gibt es nicht im Orangensaft. Nur unbeherrschtes Gebrüll und gekeifte Demütigung. An jeder Ecke selbsternannte Richter, die ätzende Schuldzuweisungen aus triefenden Mäulern schleudern. In ihrem Hassregen gerinnen seelische Schmerzen zu Eis. Endlich. Denn wenn das Singen der Nerven schweigt, wird es besser. Dann gibt es nur noch das Ziel. DAS ZIEL. In der eiskalten Umklammerung der Seele hört mit den Gefühlen das Geschwätz des Gewissens auf. Dann ist Ruhe…

… bis die Kanone ihr Visier langsam und unaufhaltsam auf die richtet, die er mitnehmen wird, in die erwartete Stille des Jenseits.

Was wäre passiert, wenn ihm ein Ehrenmann begegnet wäre? Ein Mann, der weiß, wie man den inneren Lärm zum Schweigen bringt und sich ohne viel Aufhebens vom gröbsten Abschaum abgrenzt? Ein Mann, der nicht weibisch über die Ungerechtigkeit der Welt lamentiert, sondern die höhere Form des Schießens beherrscht: Ziele avisieren und sie zielstrebig mit kühlem Kopf erreichen? Ein Mann, der den Handlungsbedarf erkennt und die Ärmel hochkrempelt? Jemand, der selbst sein Heldentum in der Zähmung des inneren Biestes lebt und deshalb weiß, dass jede Veränderung im eigenen Geist beginnt? Oder eine Frau, die es wagt, diese männlichen Attribute zu leben?

Noch ist die Zeit nicht reif für die Merlins. Doch es gibt sie schon in den Zukunftsbildern. Sie arbeiten an sich und ihrer Reife, denn sie wissen, dass Jugend gute Führung braucht, wenn sie den Weg aus dem Sumpf finden will. In den Zukunftsbildern treten sie hervor und tun mehr, als nur das Schlimmste zu verhindern. Es sieht aus, als könnten sie über ihre Ausstrahlung zaubern. Doch in Wirklichkeit sind es einfach nur beherzte, reife und ehrliche Menschen, die den Umgang mit dem eigenen Unbewussten beherrschen.

Lassen wir die Sehnsucht zu! Dann kommen auch die Merlins wieder.

1 Kommentar

  1. Markus Hörrlein sagt: Antworten

    …on my way!

Schreibe einen Kommentar