Angst vor der Wahrheit

von Tina Wiegand

Lügner dürfen sich nicht wundern, wenn man wütend auf sie wird. Aber wundern Sie sich auch manchmal darüber, was geschieht, wenn Sie die Wahrheit sagen? Oder knicken Sie ein und sagen lieber nicht die Wahrheit, weil Sie wissen, welchen Hass Sie unter Umständen damit auslösen?  Ich schreibe diesen Artikel mit einem Appel. Es wird viel gesagt und geschrieben über die verlogene und die kriminelle Welt, in der wir leben. Auch ich suche immer wieder nach Fakten, um zu verstehen, was da passiert. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass diese kriminelle Welt nur existieren kann, solange die Angst vor der Wahrheit die Menschen versklavt. Niemand kann eine Gesellschaft versklaven, wenn diese keine Angst vor der Wahrheit hat. Aber warum haben so viele Menschen Angst vor der Wahrheit?

Wahrheit ist ein weites Feld

In dieser Welt existieren viele Wahrheiten. Der Wahrheitssuchende wird es nicht immer leicht haben, alle Fakten zu durchforsten und muss schon einige Mühe investieren, um die tatsächlichen Punkte zusammen zu tragen. Dabei kann es durchaus sein, dass er sich (ver-) irrt. Das ist ärgerlich, anstrengend und nicht bequem. Aber Bequemlichkeit führt auch nicht in die Zufriedenheit, wie uns vielerorts von denen suggeriert wird, die uns gerne zwangsbeglücken möchten. Aber was kann man tun? Da wo einer allein nach der Wahrheit sucht, wird er wahrscheinlich in der in der Wüste der Manipulation im Kreis laufen. Manches wird er ausschließlich durch die Brille der eigenen Verletzungen sehen und deuten – was direkt in den Busch führt, wo nicht mal mehr Bäume sichtbar sind, die einen Wald ausmachen. Da, wo Austausch stattfindet, der die eigene Persönlichkeit mit berücksichtigt und wo Wahrheitssuche als das Zusammentragen und Prüfen von Fakten verstanden wird, wird man sich der Wahrheit eher nähern, als da, wo Fakten als überflüssig betrachtet werden.  

Tomatenaugenmenschen

Mit der Erkenntnis der Wahrheit stellt man oft fest, dass man getäuscht oder irre geleitet, dass man an der Nase herum geführt oder belogen wurde. Das ist nicht angenehm, weil man sich dann bescheuert fühlt. Bescheuert möchte aber niemand sein. Wenn es ganz dumm läuft, hat man in einer falschen Annahme Fehlentscheidungen getroffen, für die man sich nun verantwortlich und schuldig fühlt. Schuld mögen auch Sie nicht, geben Sie es zu. Da ist schon mal leichter, sich der Augenwischerei zuliebe Tomaten auf die Augen zu legen. Solange die nicht gesalzen sind, ist das angenehmer, als die Schärfe der gepfefferten Wahrheit.  Wenn Sie ein Tomatenaugenmensch sind, sind Sie harmlos. Wenn Sie den Aufgeklärteren auf die Nerven gehen mit Ihrem: „ist die Welt nicht schön rot!“ und Ihnen ein genervtes „Mennooohhh!“ entgegen gesetzt wird, dann horchen Sie am besten auf. Es könnte sein, dass eine liebende Seele Sie vor etwas warnen möchte. 

Der Narr

Tomatenaugenmenschen sind kein neues Phänomen. In der jahrhundertealten Tradition des Tarot der Weisheitslehren wird der Tomatenaugenmensch als „Der Narr“ dargestellt. Die sorglose Haltung wirkt freundlich und steuert sorglos auf den drohende Abgrund zu. Der Narr ist die fröhlichste Karte im Tarotdeck. Er symbolisiert das Kind mit seiner liebenswerten Naivität und der beneidenswerten Leichtigkeit. Aber auch wenn es verwundern mag: ein Kind ist ein Kind und ein Erwachsener ist ein Erwachsener, weil er kein Kind mehr ist. Eiderdaus. Welch philosophischer Weitblick. Doch dieser banale Zusammenhang scheint sich nicht mehr jedem zu erschließen, denn Erwachsen-werden ist der Gamification zum Opfer gefallen, einer mentalen Haltung, die pubertäre Verspieltheit über alle Vernunft setzt. Es verwundert nicht, dass wir uns in der Folge in eine Gesellschaft voller Narren verwandeln. Natürlich müssen wir als Erwachsene mit unserem inneren Kind in Verbindung bleiben, um nicht völlig zu verknöchern. Aber die Leichtigkeit der Weisheit des Alters können Sie nur genießen, wenn Sie in der Zeit des Erwachsenseins Naivität und Leichtsinn der Bereitschaft opfern, an der Mühsal des Weges zu wachsen. Das ist nicht immer leicht, aber stark fühlen kann sich nur der, der das Schwere bewältigt hat. Wer das ablehnt, wird zeitlebens ein Larifari bleiben und das ist nur so lange ein Perspektive, solange man keine Falten hat. So, wie ein Kind ohne Erwachsene in dieser Welt nicht überleben kann, sollte das innere Kind immer von der liebevollen Vernunft des Erwachsenen in angemessenem Maße begleitet werden. Wie immer ist es eine Frage des richtigen Maßes, mit etwas mehr Leichtigkeit, jedoch ohne Leichtsinn durchs Leben zu gehen. Wer die Tomaten von den Augen nehmen kann, ohne an seiner Verzweiflung zugrunde zu gehen, ist schon mal auf einem guten Weg.

Auf dem Bild der hier dargestellten Crowley Tarot hat der Narr weit aufgerissene Augen. Das symbolisiert den Moment, in dem der Leichtsinnige plötzlich mit einer Lebenswahrheit konfrontiert und bis auf die Knochen schockiert wird: der Moment des Erwachens, der Moment des Erwachsenwerdens und der Tod der Kindheit.

Wenn Wahrnehmung in Frage gestellt wird

Der schlimmste und größte Stress ist, wenn Menschen ihre Wahrnehmung in Frage gestellt sehen. Wenn die Welt bisher so schön rot war, dann kann sich plötzlich herausstellen, dass man das Blutvergießen auf die Leinwand verbannt hat, während es direkt vor der eigenen Haustüre stattfand. Sie haben die ganze Zeit rot gesehen, aber das Blut nicht wahrgenommen und es für Tomatensauce gehalten. Was zu heftig ist, bleibt es Ihren Augen verborgen. Doch Nicht-Wahrnehmung ist Herz-los. Nur der Be-Herzte, der bereit ist, in Kauf zu nehmen, das sich seine rosa Flötentöne in schrille Sirenen verwandeln, wird sein Bewusstsein so erweitern, dass er belastende Wahrheiten wahrnehmen kann. Da, wo der Hass so nahe ist, wird sehr viel Herz benötigt. Haben Sie da Herz, wo der Hass ist? Oder gerade da nicht? Sie können sich ja mal fragen, was Ihnen wichtiger ist: Herz zu haben oder Bequemlichkeit. Es geht nämlich nicht beides. Wahr-heit und Wahr-nehmung haben nicht umsonst den gleichen Wortstamm. Der Be-Herzte lernt mit der Zeit, dass Täuschung der Wahrnehmung eher die Regel als die Ausnahme ist. Bitte atmen Sie weiter!

Es gibt eine Menge Interessen, die von der Verschleierung Ihrer Wahrnehmung profitieren. Ich möchte hier aber gar nicht auf politische oder wirtschaftliche Interessen eingehen, sondern auf die Interessen derer, die gerade neben Ihnen sitzen. Fehlwahrnehmung  findet in den besten Familien statt, denn durch paradoxe Kommunikation und Manipulation wird die gesunde Wahrnehmung zugunsten pathologischer Ziele getäuscht. Pathologisch bedeutet hier eine rigide und unverrückbar negative Ausrichtung auf ein destruktives Ziel. Mit anderen Worten, der ganz normale Wahnsinn, in dem sich unsere Gesellschaft befindet. Selbst wenn Taten lauter sind, als Worte, selbst wenn die Wirkungen schmerzhaft sind – es scheint immer leichter zu sein, die Wahrnehmung an die von egozentrischen Menschen anzupassen – aber eben nur, solange das Herz fehlt. Und vielleicht ein bisschen Wissen. 🙂

Die Macht der paradoxen Kommunikation

Paradoxe Kommunikation nennt man ein Verhalten, in dem das, was gesagt wird nicht zu dem passt, was getan wird. „Wir sind doch eine großartige, ganz normale Familie!“ wird oft wiederholt, obwohl z.B. Kindesmisshandlung, psychische oder verbale Gewalt und Herabwürdigung stattfinden. Wenn immer wieder betont wird, dass man doch eine großartige Familie ist, dann muss die Wahrnehmung, dass jemand in dieser Familie misshandelt wird, falsch sein – oder? Aber mal ganz dumm gefragt – muss eine großartige Familie wiederholen, dass sie eine großartige Familie ist? Muss sie das beweisen oder sind das Leben einer großartigen Familie und die strahlenden Augen der Kinder Beweis genug? Das fehlende Strahlen in Kinderaugen ist nämlich der schreiende Beweis dafür, das bei den Erwachsenen etwas nicht stimmt. Deswegen möchte man die Kinder gerne besser erziehen und ihnen die Symptome abgewöhnen. Und dann steht plötzlich jemand auf der Matte, der einfach einfach die Wahrheit sagt, auf eine Schieflache hinweist und das auch noch mit Fakten belegt. Wagen Sie einfach mal die Aussage: Symptome sind ein Hinweis auf Schieflagen im System. Halleluja! Als erstes reagiert der Täter mit Hass. Schließlich möchte er seine Untaten unbehelligt weiter führen. Doch auch das Opfer, das nun Sanktionen fürchten muss, reagiert mit Abwehr. Bloß nicht den Täter reizen. Die Mitwisser kriegen kalte Füsse, denn sie sind ja keine Gutmenschen mehr, wenn sich das als wahr herausstellt. Lieber dem Täter Recht geben und ihn ja nicht in Frage stellen – das führt sonst zur Verstärkung der Pein. Merke: ein Täter schützt seine Lügen niemals allein. Aufruhr, Diskussion, Durcheinander, Stress und Streit sind die Strafe für das Ansprechen von Wahrheit. Und schon steht der Wahrheitssuchende da, mit tausend Vorwürfen am ungewaschenen Hals und einer Wahrheit, die keiner haben will. An das „don’t kill the messenger“ halten sich nicht so viele.

Auch im beruflichen Umfeld findet man paradoxe Kommunikation an vielen Stellen. Das kann der überfreundliche Kollege sein, der die ganze Zeit darüber redet, wie großartig doch alles ist. Aber auch die werbeträchtige Schwätzer, die nicht müde werden zu behaupten, sie seinen „doch großartige Spezialisten“ –  selbst angesichts einer nachgewiesenen Katastrophe der Inkompetenz, die sie gerade verursacht haben, können anstrengend werden. Schmarotzer, die nur in ihrem eigenen Interesse unterwegs sind, schmeicheln oft am lautesten. Legt man Fakten vor, kann die Überfreundlicheit in Vernichtung umschlagen und die Fakten werden mit einem „das sehe ich anders“ vom Tisch gewischt.

Der Krieg um die Wahrnehmung

Egal, ob es nun um die Unversehrtheit von Familienmitgliedern oder Zusammenhängen, die geschäftlicher Natur geht, hier beginnt ein Krieg über die richtige Wahrnehmung. Stellen Sie sich etwa loyal auf die Seite misshandelter Kinder, müssen Sie mit einem Gegenwind rechnen, der Sie in die Knie zwingen kann. In solchen Situationen ist es unerlässlich, sich absolut korrekt zu verhalten und immer wieder die Korrektheit der eigenen Motivation zu überprüfen. Auch mit geschäftlichen Belangen, in denen Sie mit paradoxer Kommunikation begegnen, ist nicht zu spassen. Aber man lernt in solchen Situationen viel über die Relevanz juristischer Ansätze. Verträge macht man, solange man sich verträgt. Mit jemandem, mit dem man sich von vorneherein nicht versteht, sollte man keine Verträge machen und wo ein sauberer Vertrag vorliegt, ist die Wahrnehmung letztlich auch egal.

Streit um die „richtige“ Wahrnehmung kann verschiedene Ursachen haben. Manchmal verfügen zwei oder mehrere Menschen über unterschiedliche Sichten auf die Fakten. In solchen Auseinandersetzungen werden jedoch Daten verglichen, um so zu einem Konsens zu kommen. Doch wenn die Fakten nicht einmal mehr geprüft werden, kann das verschiedene Ursachen haben. Entweder

  • Sie sind mit einem Blender konfrontiert, der absichtliche Irreführung betreibt
    oder
  • Sie sind mit einem Narzissten konfrontiert, der ist nicht in der Lage ist, Schwächen einzugestehen
    oder
  • Sie haben einen Maniker vor sich, der keine Grenzen mehr kennt und gerade an seinem Absturz in die Depression arbeitet
    oder
  • Sie stehen vor einem kaltschnäuzigen Psychopathen, der Sie für einen Idioten hält und Ihnen ein X für ein U vormacht und Sie gezielt manipuliert
    oder – und das ist die schwierigste aller Situationen –
  • Sie stehen jemandem gegenüber, der seine Wahrnehmung aus einem Trauma heraus einem Täter angepasst hat.
 
Sie sehen – eine Diagnose ist hier nur schwer möglich, wenn Sie Teil des Konfliktes sind. Wenn die Situation schon so weit fortgeschritten ist, brauchen Sie einen Mediator, der beide Seiten zulassen und abstimmen kann. Wenn das nicht reicht, braucht es einen guten Therapeuten, der systemisch arbeitet, sich das ganze System anschaut und Lösungen findet, die nicht sichtbar sind, solange man im Konflikt hängen bleibt.

Wenn Sie noch in der komfortablen Situation sind, vorbauen zu können, hier ein paar Tipps. Nehmen Sie sich in Acht vor Menschen, die

  • niemals an sich zweifeln, aber oft über andere schimpfen
  • zu viel Süssholz raspeln
  • niemals betrübt und niedergeschlagen sind
  • nicht auf Fakten reagieren
  • Ihnen ein komisches Gefühl vermitteln
  • Ihnen die Worte im Mund herumdrehen
  • Ihnen mit Hass begegnen, wenn Sie widersprechen

Hass ist hier auch noch etwas anderes als Wut. Hass ist kalt und vernichtend. Hass stellt Sie und ihre gesamte Weltsicht in Frage. Wut tobt sich aus und hat dann meist ein schlechtes Gewissen. Aber Hass hat kein Gewissen und geht über Leichen. Glauben Sie bitte nicht, dass das nur im Film der Fall ist.

Wenn Sie mit paradoxer Kommunikation oder Manipulation konfrontiert sind, dann fühlen Sie sich danach „wie erschlagen“ oder manchmal auch dumpf und „wie daneben“. Daran erkennen Sie die Massivität des Angriffs. Sie bemerken vielleicht wie Sie unwillig oder wütend werden und der Person aus dem Weg gehen möchten. Wenn Sie wenig Kontakt zu ihren Gefühlen haben, werden Sie vielleicht bemerken, dass Sie köperlich reagieren, etwa mit einem inneren Zittern, verkrampften Nackenmuskeln oder Kopfweh. Wenn es so schlimm ist, dann zögern Sie nicht, sich Hilfe zu holen. Je nach Absicht eines solchen Gegners können Sie ernsthaften Schaden davon tragen.
 
Die Wahrheit ist, dass diese Welt aus Licht und Schatten besteht und der erwachsene Mensch mit beiden Seiten zurecht kommen muss. Je eher Sie bereit sind, sich auch mit den Schattenseiten des Lebens auseinander zusetzen, um so größer die Chance, dass die Schatten Ihnen nicht unvermittelt die Türe eintreten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein großes Herz für  die Wahrheit und ihre Schattenseiten.

Schreibe einen Kommentar