Dämonen der Heiligen Nacht

von Tina Wiegand

Heute folgt dem Tag wieder die längste Nacht des Jahres. Die eigenen Dämonen in der Dunkelheit aufsteigen spürend, sind Menschen heute nicht gerne allein. Sie vertreiben die Dunkelheit mit hunderten von Kerzen und Lichtern, geschmückten Bäumen und opulentem Essen. Lieber rücken sie mit denen zusammen, die sie gar nicht so besonders mögen – aber Streit ist besser als Alleinsein. Gerade an Weihnachten. Aber der Erwartungsdruck ist hoch. Jeder hat eine Vorstellung von perfekter Idylle – und diese Vorstellungen müssen sich nicht zwangsläufig decken. Doch wenn die anderen nicht in das idyllische Bild passen, ist das mehr als enttäuschend. Falsche oder zu billige Geschenke sind schließlich ein Beweis für die Lieblosigkeit. Ja, das romantische Familienbild an Weihnachten ist manchem so manche Zwangshandlung wert und jeder macht mit, weil das immer schon so war. Ist ja schließlich meine Familie… Weiß jemand, was das bedeutet? Wer mag, kann sich ja hier schon mal einen Gedanken machen: wie würden Sie den Satz vervollständigen: Ist ja schließlich meine Familie, also muss ich…… was? Was müssen Sie, weil es Familie ist? Nur kleine Nebenfrage: passen Familie und Liebe dann zusammen?

Am Heiligen Abend sitzen die Dämonen mit am Tisch. Sie steigen auf, ob man will oder nicht. Und so sind immer alle mindestens zu zweit: Mama und Papa mit ihren Dämonen, Oma und Opa mit ihren, Onkel und Tante, Bruder und Schwester – keiner kommt heute allein, denn es ist Heilige Nacht und da kommen alle! Wenn ich sage alle, dann meine ich ALLE! Auch die Nicht-sichtbaren.

Wer es gewöhnt ist, über sich und sein Handeln nachzudenken und gegebenenfalls zu korrigieren, braucht vor der Weih-Nacht keine Angst zu haben. Deswegen muss er vielleicht auch nichts tun, womit er nicht einverstanden ist. Er kennt seine Abhängigkeiten und geht sie an. Er kennt seine Ängste und kümmert sich drum. Er weiß um seinen Selbsthass und arbeitet daran. Der reflektierte Mensch versucht nicht, seine Dämonen aus dem Weg zu drängen, denn er weiß, das sie da sind. Es sind Dämonen der Vergangenheit, manchmal sogar aus anderen Generationen. Sie stammen aus der Gesellschaft und stören durch Gruppenzwänge. Sie entstehen überall da, wo Dinge nicht getan werden, die das Herz erfreuen und wo Hass statt Liebe gesät wurde. Dort, wo das Ego statt dem Höheren Selbst bedient wird. Sie ernähren sich von dem Bösen, das jeder Mensch in sich trägt, egal, wie sehr der Gutmensch seine weiße Weste nach außen trägt. Ein guter Mensch ist niemals nur gut, sondern wird böse wenn das die Wahrheit ist. Doch wenn er beim Bösesein bleibt, dann haben ihn die Dämonen erwischt.

Es macht Sinn. ehrlich zu sich selbst zu sein, denn wer sich selbst belügt, wacht dennoch nachts mit der Wahrheit auf. In jeder Nacht. Doch in der langen, dunklen Weih-Nacht besonders. Egal wie viel der Mensch isst, egal, wie laut er klappert, um das leise Flüstern zu übertönen, egal wie schnell er rennt und sich in Hektik versteigt – die Dämonen werden umso stärker, je mehr man sie bekämpft. Sie sind der Virus, der die Hasskrankheit erzeugt. Sie lassen uns die Schuldigen im Außen suchen, damit wir nicht wachsen können. Sie lassen uns zu selbstmitleidigen Opfern voller falscher Sentimentalitäten werden. Sie verführen uns dazu, bei jedem X-Beliebigen unterzuschlüpfen, auf der selbstverräterischen Sucht nach Nähe und Zärtlichkeit. Sie verlocken uns, bis wir in die Sucht plumpsen. Die Würde ist unantastbar, aber verdrängte Dämonen fressen sie auf. Niemand kann unsere Würde so demontieren wie die Dämonen in uns, die wir ignorieren und verleugnen.

Deshalb hält der reflektierte Mensch inne und lädt seine Dämonen ein. Jeden. Auch die, die wirklich Angst machen. Dann spricht er mit ihnen und lernt von ihnen. Vielleicht malt er sie. Vielleicht schreibt er auf, was sie zu sagen haben. Vielleicht versucht er sie zu kneten und sie so darzustellen oder er schreibt eine Geschichte über sie in sein Tagebuch. Der Versuch, die inneren Dämonen zu verstehen, besänftigt sie. Nur wer seine Angst überwindet und den inneren Dämonen freundlich begegnen kann, kann sie erlösen. Und siehe da, die Dämonen sind einfach nur verzerrte Anteile von uns selbst. Wenn wir sie integrieren, machen sie uns heiler, als wir vorher waren. Heilung bedeutet auch, seine Dämonen zu erlösen und das zu sich zu holen, was zu einem gehört. Deswegen ist die Heilige Nacht Heil-ig. Denn wenn es dunkel ist, kann der Mensch selbst zum Licht werden und Licht beherrscht die Dunkelheit, egal wie klein es ist. Der Dunkelheit fehlt das Licht, aber sie kann es nicht auslöschen. Sie kann sich nur erhellen lassen. Wenn sonst niemand freundlich ist, kann der Mensch entscheiden, der einzige Freundliche zu sein. Wenn niemand mehr lieben kann, kann der Mensch zu Liebe werden. Erlöste Dämonen sind die treuesten Freunde, die der Mensch haben kann. Auch Sie können heute Nacht einen Dämon erlösen. Versuchen Sie es und Sie werden es nicht bereuen. Wenn Sie allein sind, dann wagen Sie sich ins All-Eins-Sein. Überwinden Sie Ihre Angst und hören Sie auf zu denken, dass Sie nicht liebenswert sind. Lieblos sind einzig und allein Sie selbst und zwar Ihren Dämonen gegenüber.

In diesem Sinne wünsche ich allen von Herzen eine heilende Heilige Nacht.

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