Der Kind-Lotus – Herkunftssystem

Der Wiegandsche Lotus ist als Orientierungshilfe für die Praxis der Reflexion entwickelt worden. Während der „Erwachsenen-Lotus“ eine Orientierungshilfe für die Überlegungen der bewussten Gestaltung des Erwachsenenlebens und Visionsarbeit enthält, befinden sich im „Kind-Lotus“ die Hinweise auf die wesentlichen Prägungen, die ein Mensch in seiner Entwicklung durchläuft. Hier soll es erst mal um den „Kind-Lotus“ gehen. In das Modell fließen Untersuchungen aus verschiedenen psychologischen Richtungen zusammen. Die Zusammenstellung ist aus der praktischen Anwendung entstanden und hat sich im Lauf der Zeit in meiner persönlichen Arbeit mit einer Vielzahl an Klienten bewährt und hat mir ermöglicht, mein Wissen nachvollziehbar und anschaulich weiterzugeben.

Die Matrix, unser Wille und die „Brille“
Durch den Matrix Artikel haben wir also verstanden: wir haben eine Brille auf. Die „Brille“ aus unbewussten emotionalen Überzeugungen enthält die Parameter, die unseren Sinnen sagen, wie die ansonsten chaotische Realität um uns herum sortiert werden soll. Sie sorgt dafür, dass wir das „Passende“ aus einer unendlichen Menge von Reizen heraus filtern. „Passend für die Brille“ bedeutet nicht zwangsläufig „passend für ein optimales Leben“. Das ewig grüßende Murmeltier kann  anstrengend sein und es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, wenn die Ursache einer aktuellen Problematik ihr Ursache in der Kindheit hat. Negative „Hypnosen“, auch „Believes“ genannt, sind in z.T. schmerzhaften Kindheitssituationen entstanden und steuern die Wahrnehmung, die Bewertung, die Auswahl des Wahrgenommenen und sie beeinflussen unser Verhalten. Lauten sie beispielsweise „ich bin blöd!“ oder „ich bin wertlos!“ kann diese Vorsortierung verheerend sein. Solange wir nicht über unsere Programmierung nachdenken und sie gegebenenfalls bewusst verändern, spielt die Jukebox: „Mama (respektive Papa, Oma, Opa oder wer uns eben beeinflusst hat) hat gesagt…!“ Unreflektiert bedeutet also, nicht dem eigenen Willen, sondern den Parametern der Erziehungspersonen zu folgen. Gewinner, Verlierer, Nicht-Gewinners oder sogar filmreife Dramatik – eigentlich brauchen wir keine Virtual Reality Brillen, wir haben eine auf. Das Programm läuft im Unbewussten.

Das Unbewusste
Als wir vor Kurzem ein Gespräch mit einem Kunden führten, stellte dieser plötzlich halb erschrocken fest, dass wir unfassbarer Weise ganz selbst verständlich in der Welt der Morlocks unterwegs seien. Ich musste nachschauen, was Morlocks sind und landete unter Images hier:

bildschirmfoto-morloks

Heiligs Blechle! Wenn das die Vorstellung des Unterbewusstseins ist, dann wundert es mich nicht, dass da niemand hin will…

Lassen Sie mich das ganze mal etwas ermutigender darstellen: die grundlegenden „Programme“, die in der ersten Zeit Ihrer Existenz geschrieben wurden, sind so etwas wie Ihr psychologisches Betriebssystem. Vieles in Bezug auf Sie muss gut gelaufen sein, denn sonst wäre Ihr Leben nicht möglich und der Befehl „diesen Text lesen“ wäre nicht angelegt. Wenn alle unserer Erlebnisse, inklusive der dazu gehörigen Emotionen, zu jedem Zeitpunkt im Arbeitsspeicher unseres Bewusstseins zugegen wären, wäre unser Organismus mit viel zu großen Datenmengen überfordert. Also wird gerade nicht Benötigtes, ebenso wie Störerleben, zur späteren Wiedervorlage vorübergehend in Kisten in den Keller gepackt. Gleiches geschieht mit emotional angespannten Daten, die unter Umständen zu einer schädlichen Überspannung des Systems führen könnten. Zur Schadensbegrenzung verdrängen Sie sie. Wer sich an seine Kindheit beispielsweise gar nicht erinnern kann, hatte vermutlich einen solchen Stress im System, dass er beschloss, eine Amnesie könnte die Nerven besser schonen, als die ganze Arie der Realität. „Unbewusste Kisten“ sind also Datenspeicher, die Daten für die spätere Wiedervorlage enthalten. Die „unbewussten Kisten“ können mit bewussten Inhalten verschaltet sein. Beispiel: Eine Schlafstörung ist Ihnen durchaus bewusst. Aber sie könnte Sie beispielsweise darauf hinweisen, dass eine Erinnerung im Karton rappelt und gerne ausgepackt werden möchte. Gleiches gilt für viele Symptome und Konflikte.

Kisten auspacken
Nicht nur Störungen laden zum Auspacken ein. Wenn man mit der Funktion eines PCs nicht mehr einverstanden ist und neue Spiele installieren möchte, ist oft ein Update des Betriebssystems auf eine modernere Version notwendig. Wenn Sie ihr Leben ändern wollen, zum Beispiel, weil Sie eine neue Definition von Erfolg bekommen haben, dann ist das die ungefähre Entsprechung. Wenn ich als No-ITler das alles richtig verstanden habe, muss man ein bestehendes Betriebssystem analysieren, eine Schnittstellenspezifikation machen und dann weiß man erst, wie das Upgrade aussehen muss.  Auch für ein Antivirenprogramm  muss man den Algorhythmus des Virusprogrammes kennen. Virenprogramme im Unbewussten verursachen ewig grüßende Murmeltiere, also Wiederholungszwänge, Angstzustände, Depressionen oder andere unerwünschte Spiele. Der einzige wirksame Virenscanner ist die Reflexion. Wer dann doch das gute alte Mohrhuhn installieren will, wie gesagt: Kisten auspacken und  Mohrhuhn

Wenn „unbewusst“ einfach nur „gerade nicht im Arbeitsspeicher“ bedeutet, ist es dann immer noch so schlimm? Ja, ich weiß – die aufsteigenden Emotionen morlocken manchmal ein wenig. Aber das ist eine Frage der Gewohnheit. Mit zunehmender Übung verlieren sie ihren Schrecken zugunsten der erlebten Erfolge. Wer schon einmal eine Überzeugung aufgelöst hat, der kann davon berichten, wie sich plötzlich Probleme gelöst haben, die er für unlösbar hielt und das ist die emotionale Mühe allemal wert.

Auswirkung der inneren Überzeugungen – der Glaube, der Berge versetzt
Innere Überzeugungen sind also die Basis unseres tiefsten Glaubens, die Basis unserer „unvirtual reality“.  Auch wenn das Bild aus der Bibel stammt, ist Glaube nicht zwangsläufig etwas religiöses. Der Glaube selbst ist das Tool, das die Dinge ermöglicht oder eben nicht. Wer sich intensiv mit der Aus-Wirk-ung, also dem Wirken von limitierenden unbewussten Überzeugungen befasst hat, der weiß, wie machtvoll Überzeugungen sind. In der Paranoia wird dieser Zusammenhang bis zur Karrikatur auf die Spitze getrieben. Im Verfolgungswahn ist der Kranke allein, denn niemand glaubt mit ihm, z.B. dass er verfolgt wird. Alle anderen glauben etwas anderes.  Reflexionsprozesse dienen der Bewusstmachung dieser unbewussten Überzeugungen und damit in der Regel der Lösung diverser Problemstellungen. Diese Prozesse können auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Die oberste, unverfänglichste ist, über sein eigenes Verhalten nachzudenken und sich die beiden wesentlichen Fragen zu stellen: 1. was will ich erreichen und 2. ist mein Verhalten geeignet, um das zu erreichen?

Fremdsprache Symbolik
Ein Upgrade in einer anderen Sprache zu schreiben, als das bestehende Betriebssystem wäre eher kontraproduktiv. So auch der Umgang mit unbewussten Anteilen. Nehmen wir mal an, wir haben die Emotionen ent-morlockt und die Bereitschaft zur Exploration der Brille entsteht: dann müssen die inneren Überzeugungen aufgespürt werden. Die Seele spricht eine andere Sprache, als die Ratio. Sie kommuniziert in Bildern, Gerüchen, Emotionen und Symbolen. Vielleicht haben auch Sie schon einmal erlebt, wie ein bestimmter Geruch Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit aktiviert hat. Manchmal ist es eine Melodie oder ein Bild, das die Erinnerung triggert. Warum Sie sich dann genau in dem Moment erinnern, ist der Ratio nicht zugänglich, aber sie wird die Erinnerung nicht mehr so ohne weiteres vergessen.

Eine Möglichkeit ist, die Entstehung der Lebensüberzeugungen mit Hilfe von Hypnose Schritt für Schritt bewusst zu machen. Aber Hypnose ist vermutlich auch ein Morlock-Wort. Also nutzen wir lieber die Exploration der Stationen mit dem Kind-Lotus. Das „Wie“ werde ich an anderer Stelle noch genauer erklären. Beginnen wir hier erst mal ganz einfach mit den vielen Fragen, die man sich zu dem „Was“ stellen könnte:

2017_kindlotus-blog

 

 

 

Fragen zu

– Herkunftssystem

– Zeugung – Schwangerschaft – Geburt

– den vier Kräfte seelischer Balance (angelehnt an „Grundformen der Angst“ von Fritz Riemann)

a) Eigenrotation – Die Selbstbeziehung (frühe Orale Phase)(Geburt bis ca. 1 Jahr)
Literatur dazu
b) Rotation um Andere – Die Beziehung zu anderen (späte orale Phase) (1.-2- Lebensjahr)
c) Gravitation – Beziehung zu Materiellem/Schwere (anale Phase) (3. – 4. Lebensjahr)
d) Fliehkraft Beziehung zu Geistigem/Leichtigkeit (genitale Phase) (4.-6. Lebensjahr)

– Schule 7. – ca. 12. Lebensjahr)

– Pubertät (ca 12. – 16. Lebensjahr)

Welche große Bedeutung Lehrer für ihre Schüler haben, wurde in vielen Simulationen klar, die ich mit Klienten gemacht habe. Die grundsätzliche Freude am Lernen kann durch negative Schulerfahrungen blockiert sein und das versperrt viele gute Wege. Andere psychologische Richtungen verstehen die Schule nicht als eigene Prägungsphase, aber aus meiner Sicht muss dieser wichtige Teil auf alle Fälle berücksichtigt werden.

Aber beginnen wir mit dem herkunftssystem. Damit sind die Vorfahren gemeint, die man nicht persönlich kennt. Wer schon einemal Ahnnenforschung betrieben hat, kenn vielleicht die Lichter, die einem da aufgehen können. Plötzlich versteht man, warum Tugendhaftigkeit einem so wichtig ist, denn vor 300 Jahren mischten sich Hugenotten in das Familiensystem. Aber das ist nur ein Beispiel von tausend möglichen.

Das Herkunftssystem
Betrachtet man einen Stammbaum, laufen die Pfade unzähliger Menschen über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg schicksalhaft zusammen, um sich dann am Punkt Ihrer Zeugung zu treffen. Über die Genetik, aber auch über familienspezifische Verhaltensweisen werden kulturelle, religiöse, historische Aspekte all dieser Menschen weitergegeben. Neben dem Erfahrungsschatz werden auch nicht gelöste Konflikte vererbt. Die Grundlagen eines Leben, wie z.B. das spezifische Aussehen eines Menschen, körperliche Merkmale, Hautfarbe uvm. wird hier festgelegt. Aber auch emotionale Präferenzen oder Ablehnung können hier ihre Ursache finden.

War es in älteren Kulturen üblich, sich den Ahnen zuzuwenden, sind diese Gebräuche heute weitgehend zu konsumorientierten Ritualen, etwa der „Friedhofsralley“ an Allerheiligen verkommen. Hier soll aber nicht über Existenz oder Nicht-Existenz eines Lebens nach dem Tod diskutiert werden, denn das Thema ist eine Frage des Glaubens und kann nicht eindeutig beantwortet werden. Was jedoch für uns hier wichtig sein soll, sind die unbewussten Beziehungen, die der lebende Mensch zu seinen Vorfahren hat. Sind diese Beziehungen nicht geklärt, so projiziert er diese Verstrickungen auf seine Mitmenschen und re-inszeniert quasi den Konflikt, der eigentlich in die Vergangenheit gehört. Die Ursachen so mancher unlösbar erscheinenden Konfliktsituationen, die manchmal auch dramatische Folgen haben können, können also weit in der Vergangenheit liegen und sind trotzdem Teil der aktuellen Brille.

Beispiel:
Eine junge Frau fand in ihren Beziehungen keinen Frieden. Nachforschungen ergaben: ein Liebespaar in der Generation der Ur-Urgroßeltern hatte aufgrund zölibatärer Zusammenhänge nicht zueinander finden können. Im Gespräch begann die junge Frau darüber heftig zu weinen und zeigte damit ihre emotionale Verbundenheit mit dieser lang vergangenen unglücklichen Liebesgeschichte. Kurz nachdem wir das Thema aufgelöst hatten, fand sie den Mann fürs Leben und lebt seither in einer haltbaren, guten Partnerschaft. Auf der rationalen Ebene ist so ein Zusammenhang nicht nachvollziehbar, doch die Genetik beinhaltet immer wieder irrationale Zusammenhänge, die auf den ersten Blick nicht lösbar erscheinen. Da ist er wieder, der Morlock.:-)

Reinkarnation?
Herkunftssystemische Zusammenhänge werden oft mit der Frage nach der Reinkarnation in Zusammenhang gebracht. Hat der Mensch schon ein mal gelebt? Das gehört zu den Fragen, die ich nicht beantworten kann. Was ich aber sicherlich sagen und auch belegen kann ist, dass Menschen mit dem Schicksale unbekannter Vorfahren emotional so stark identifiziert sein können, dass sie die Problematik in ihrem aktuellen Leben re-inszenieren. Eine unbewusste Identifikation mit einem Vorfahren kann den Lebenserfolg unmöglich machen. Ich selbst ziehe es in der Praxis also vor, nach unbewussten Verstrickungen zu suchen, anstatt Zusammenhänge auf schuldhaftes Verhalten in einem anderen Leben zurück zu führen. Letzteres habe ich nur als belastend und wenig hilfreich erfahren.

Wenn es um tiefe menschliche Verstrickungen, Lebenskatastrophen oder genetisch bedingte Erkrankungen geht, kann es also hilfreich sein, sich der Familien-Historie zuzuwenden.Vor allem da, wo Menschen durch Krankheit in Lebensgefahr geraten, ist es sinnvoll, eine eventuelle tiefe Bindung an herkunftssystemische Zusammenhänge aufzulösen. Die Forschung z.B. in der Transaktionsanalyse beizeichnet diese Zusammenhänge als „Episkript“ und Claude Steiner beschreibt in seinem Buch „Wie man Lebenspläne verändert“, wie ungelöste Familiendramen wie eine heiße Kartoffel von einer Generation auf die nächste übertragen werden –  solange, bis jemand die Situation auflöst und befriedet. In gewisser Weise erinnern diese Zusammenhänge an den „bösen Fluch“ im Märchen, an Bannsprüche und Zauberei. Aber in den modernen Systemischen Verfahren, die vor allem in der Familientherapie angewendet werden, wird mit dem Herkunftssystem ganz nüchtern gearbeitet. Bei uns in Deutschland wird oft offenbar, wie sehr die düstere Vergangenheit des 3. Reiches die Menschen emotional noch bewusst oder unbewusst beschäftigt. Obwohl die Ereignisse bereits 70 Jahre zurück liegen, beschimpfen sich viele Menschen gegenseitig als „Nazis“ und werfen sich gegenseitig vor, die faschistischen Zusammenhängen des 3. Reiches fortzuführen. Es ist gut möglich, dass die selbstdestruktiven Strukturen in unserem Land zu einem großen Teil auf eine kollektive Verstickung mit der Vergangenheit zurückzuführen sind.  Eine friedlicher Haltung dazu finden in der Regel nur diejenigen, die sich mit ihren eigenen Familienstrukturen und deren Schuld oder Unschuld befasst und die Vergangenheit befriedet haben. Auch hier wird die Politik nichts ausrichten können – wohl aber der liebevolle Blick nach innen.

So hat jeder Mensch zu jedem Mitglied der Familienhistorie eine mehr oder weniger bewusste Beziehung von mehr oder weniger Relevanz. Die Vorfahren haben Kriege, Siege, Verluste, Geburten, Krankheiten, Tode, Hungersnöte, höchstes Glück, Armut, Reichtum, Liebe, Hass, religiöse Verstiegenheiten und Wunder erlebt. Alles, was man bis dato erleben konnte. Jede Generation fügt neue Möglichkeiten hinzu. Wenn beispielsweise ein neues technisches Gerät erfunden wird, hat die Menschheit ab dieser Zeit eine neue Erfahrung, die es vorher nicht gab. Der Blick auf das Herkunftssystem eröffnet Lösungsmöglichkeiten, die bisher nicht gedacht werden konnten.

Über das Herkunfssystem ließe sich natürlich noch weit mehr berichten, doch im nächsten Blog soll es erst mal um die Prägungsaspekt von Zeugung, Schwangerschaft und Geburt gehen. Demnächst also hier weiter im Text.

 

Literaturempfehlungen:

Wiegand Tina, Lotuszeit – Reflexion und Selbstcoaching mit dem Wiegandschen Lotus
Lernspiel mit Übungsbuch mehr Info

Ragl Elisabeth, Masterarbeit  Thema Episkript

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