Hail US

von Tina Wiegand

Ist es verwerflich, wenn junge, unerfahrene Raubritter besonders dicke Beute für ihre Mama oder ihre Dulcinea machen wollen? Nichts anderem ist es zu schulden, wenn der Kapitalismus, in dem wir uns befinden, etwas seltsame Formen annimmt. Wie so oft ist der psychologische Hintergrund ganz einfach. Da muss man weder die Außerirdischen, noch die Logen, noch die Psychopathen bemühen. Der Blick auf die Mamas genügt. So sind die schnieken Beratertypen, die uns den Shareholder Value und das unendliche Wachstum bescheren, vor allem Mamas Bester, und zutiefst erwünschtes Beuteschema attraktiver Frauen, die gut versorgt im Luxus leben möchten, ohne etwas dafür tun zu müssen. Auch sie werden liebendgerne Mutter. Und schon strebt die männliche Welt-Riege – die Sache mit dem längsten –
Atem beraubenden Wachstum an.

Nun hört man immer lauter Rufe nach der Befreiung von den USA und Mama Merkel soll‘s richten. Verwundert betrachte ich die Welt mit ihren Bewohnern, die, als ich 1982 nach Los Angeles auswanderte noch so vollkommen anders waren als 1987, als ich wieder kam. Vor LA schaltete man den Fernseher noch aus, wenn Besuch kam. Als ich wiederkam, nervte mich die Kiste mit ihren Werbeveranstaltungen namens Soap-Operas (Seifenopern) hier genau so, wie in den Staaten. Gehörten Denver und Dallas mit zu den Gründen, warum ich fluchtartig das Land der unbegrenzten Gier verließ, waren sie nun auch in der kleinen Heimat der große Hit. Sie und Pamela Anderson diktierten chiroplastischen Geschmack über den Flimmerkasten. Ich fragte mich damals schon, ob es daran liegen könnte, dass designierte Konsumenten das Denken lieber den Pferden überlassen, weil diese größere Köpfe haben. Später lernte ich jedoch aus unbestätigten Quellen, dass Fluor aus den amerikanischen Zahncremes die Blut-Hirnschranke überwindet und daher die Intelligenz mindert. Dabei ist das ist gar nicht nötig. Wenn Menschen ungestört auf Disneyniveau verharren können, tun sie das mit Vorliebe. Dass dabei die Intelligenz degeneriert, wird erst dann zum Problem, wenn man nicht mehr konsumieren kann. Die Verschwörungen, die am Rande der speisenden Masse stattfinden, damit das Ganze wenigstens ein bisschen spannend bleibt, sind nur Randerscheinungen und kaum für den kollektiven Brainwash verantwortlich zu machen. Dass Trägheit nicht zukömmlich ist, hallt uns leise aus einer längst überkommenen Vergangenheit hinterher. Doch wir sind schneller als der Schall, in unseren Sweatshirts (Schwitzhemden) und Jogginghosen (Laufhosen), auf der Jagd nach ewiger Jugend.

So tragen Menschenmassen die erzkonservative US-Redneck Bekleidung Jeans und T-Shirt freiwillig und stellen keinen Moment lang die Frage, warum sie in drei Gottes Namen amerikanische Arbeiteruniform tragen. Früher waren dazu noch Cowboy Boots und Sneakers angesagt, heute Chucks, Platt-und Spreizfuss fördernde Billigturnschuhe, die „made in billig, sold in fassion“ junge Füsse verhunzen. Auch die Gangster Mode aus den Unterschichtsriegen der Slums ist en vogue – oder schon nicht mehr? – ebenso wie die dazu passenden Gangster. Arm ist cool – aber so arm kann keiner sein, dass nicht mindestens ein I-Phone drin ist. Wo bleibt das unbedingte Grundeinkommen?

Den Tag beginnen viele Ami-Gegner bei knusprigen Genmais-Cornflakes mit I-Phone -Tippereien. Auf „Facebook“ „liked“ man einige „Posts“, um die antiamerikanische Haltung zu betonen. Aber warum nur? Bisher ist doch alles cool? Stellt euch vor, wir können uns nicht  mehr auf der amerikanischen Beobachtungsplattform Facebook darüber austauschen, dass wir gegen die USA sind… Nicht auszudenken! Zensur! Einschränkung der Meinungsfreiheit! Don‘t ever do that to us!

Aber nun seid doch nicht so schwierig und take’s mal easy! Wenn man keine Lust auf die Talk- oder Realityshows, Sitcoms oder Soaps hat, schaut man sich eben im Kino bei Chemie-Langnese, Genmais-Popcorn und Coke einen Hollywoodstreifen à la „States Glory Possible“ an. Ist doch schön, wenn man die Freiheit hat, seine Freizeit nach eigenen Wünschen zu gestalten. Früher gab es noch die Pfefferminzrollen und Weingummi an der Kinokasse. Die aber enthalten Zucker. Zucker ist lebensgefährlich, vor allem für Monsanto. Denn wenn alles mit Zucker gesüsst wird, kann der Chemiekonzern sein krebserregendes Süssstoff nicht mehr verkaufen. Das Low-Sugar, Low-Fat, Low-Carb, Low-Intelligence Food ist ein riesiger Wachstumsmarkt. So greifen vernünftige Menschen neben Coke Light und Zero lieber zu Nestle Wasser in Plastik Flaschen, das aus Afrika gepumpt nach Deutschland geschifft wird, weil das billiger ist.

Die Vernünftigsten unter uns geben sich als Vegetarier oder sogar Veganer – Nachfolger des L.A. Ernährungsfanatismus, aus dem ich 1988 irgendwann mal aufwachte. Wenn man Tomas Schumann, einem ehemaligen KGB Agenten in seinen Youtube Videos glauben darf, ist die Beschäftigung mit der Ernährung lanciert. ‚Wer sich mit gesunder Ernährung befasst, befasst sich nicht mit Physik. Wer sich nicht mit Physik befasst, baut keine Bomben‘, hört man da erstaunt. Ob der zynischen Logik beginnt das amerikanische Publikum zu kichern. Erst – dann nicht mehr. Warum eine immer größer werdende Masse an Jugendlichen mit Essstörungen reagiert, ist vor dem Hintergrund wirklich nicht zu begreifen. Wenn angesichts der Hungerhaken die männliche Stamina nachlässt, kann Mann mit Viagra diese Probleme lösen und Botoxx glättet die gerunzelte Stirn. Die freundliche Spende an die entsprechenden Pharmariesen wird sicherlich gerne genommen.

Nehmt lieber den Stars & Stripes Shopper (ehem. Tasche) und begebt euch in die City (ehem. Stadt) zum Shoppen (ehem. einkaufen). Gezahlt wird ganz bequem und cashfrei mit Visa oder Mastercard. Um zu zeigen, dass Frau eine brave Konsumentin ist, postet sie #Shirt #cute #chick #billig #bin glücklich“ mit ihrem I-Phone in ihrem Tweet und überträgt damit gleich die Info an alle Marketing Kanäle. Da Anbieter alles tun wollen, um Dulcinea glücklich zu machen, wollen sie nämlich alles ganz genau wissen. So entgeht Mann der Gefahr, dass ihm die Blumen um die Ohren fliegen, weil er wieder neben ihre Lieblingssorte gegriffen hat. Unmoralisch? Was konkret? Weil Marketing Ladenhüter und enttäuschte Frauengesichter vermeiden will? Da Frau Selfies liebt, nimmt sie wissentlich in Kauf, dass über die Linse genau beobachtet wird, wohin sie geht, was sie kauft, was sie auf Instagram und Facebook postet, um daraus zu schließen, was man ihr noch alles verkaufen/schenken könnte – Schatz, keine Fehlkäufe bitte. Schau dir meinen Account an! Ist etwas dagegen einzuwenden, wenn Big Brother dafür sorgt, dass das, was Mann kaufen soll, auch zu haben ist… ?

Am Big Data beteiligen sich auch die, die gerade nicht shoppen, sondern mit ihrem Apple am Window sitzen und von Big Brother über die eingebauten Kameras ihre Augenbewegung beobachten lassen. So wissen die Anbieter, wo am günstigsten die Werbung zu platzieren ist. Aber ob nun das geöffnete Fenster oder der angebissen Apfel. Welcher Business geht heute ohne sie? Ein deutsches Laptop-Fabrikat mit Linux wäre eine Alternative. Aber da blick ich nicht durch. Alles was den Mickey Mouse Status übersteigt, erfordert eigenständiges Denken und macht wütend. Jeder Tyrann wird sauer, wenn sein Intellekt überfordert wird. Ich auch. Was Kompliziertes kaufen? Kommt nicht in den Warenkorb!

Nun könnte ich mich weiter durch die ach so amerikafeindliche Welt schmunzeln, die Mama Merkel doch endlich unterbinden und abschaffen sollte. Aber Big Babies kann man nicht so einfach abstillen. Wenn ein Baby richtigen Hunger hat, dann kann es gnadenlos brüllen, aber, Gott sei Dank, noch nicht schießen. Anders die US Supersizer, die, wenn sie sauer werden, auf die härtesten aller phallischen Ausprägungen, die Waffen, zurück greifen. #Cowboy #aus der Hüfte #schießen  #einfache Lösungen #don’t move my cheese! #Ever!

Also, warum amüsieren wir uns nicht einfach weiter und füttern sie liebevoll mit unserem Umsatz? Was Mamas Beste nämlich noch verstehen müssen ist, dass Bäume nicht unbegrenzt in den Himmel wachsen. Alles auf dieser Welt gleicht sich aus. Eine Supernova atmet nur ein, so wie der asthmatische Ochsenfrosch aus dem Märchen. Kann sein, dass es etwas knallt, wenn unser Kapital-Frosch platzt, anstatt zum Prinz zu werden. Danach können wir auf alle Fälle wieder von vorne anfangen. Mit Mamas, die auf dem Spielplatz ihre Sprösslinge gegeneinander loslassen und schauen, wer den längsten –
Atem hat.

Was aber wird unsere Bevölkerung ohne das kapitalistische System tun? Ohne Versorgung? Ohne Konsum? Ohne Medikamente? Ohne Medienkonzerne? Ohne I-Phone? Ohne Facebook? Ohne Popcorn? Im Osten bedauern die Menschen, dass sie ihre Mauer verloren haben. Wenn es hier im Westen nichts Neues gibt, kann man bald viele dem Versorgt-sein durch die Konzerne hinterher weinen sehen.

Nun. Warten wir‘s ab. Vielleicht hilft Mama Merkel und lässt über Geo-Engineering Eigenverantwortung regnen. Vielleicht findet sich auch sonst jemand, der sich als Messias zur Verfügung stellt. Hatte uns da nicht jemand einen versprochen?

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