Pikante Tücken

von Tina Wiegand

An einem heißen Sommertag 1986 besuchte ich zum ersten Mal einen Gynäkologen in meiner neuen Wahlheimat Los Angeles. Die Sprechstundenhilfe begrüßte mich mit der für Kalifornien typischen Freundlichkeit und führte mich sofort in das Untersuchungszimmer, mit der Bitte, mich zu entkleiden. Mir wäre es lieber gewesen, dem fremden Arzt erst mal bekleidet zu begegnen, so, wie ich es von zuhause gewöhnt war. Aber es war mein erster Arztbesuch und ich war finster entschlossen, mich auf die manchmal etwas merkwürdigen Gebräuche im Land der unbegrenzten Möglichkeiten einzulassen. Ich wollte lernen es „easy zu taken“, so wie man alles „easytaken“ sollte in Kalifornien, auch wenn es schwer war. Also gehorchte ich.

Es gab keinen Untersuchungsstuhl, wie in Deutschland, sondern nur eine Pritsche. Also ließ ich mich darauf nieder, ließ meine Beine baumeln und bemühte mich, trotz meiner Nacktheit, gelassen die Kühle der Aircondition zu genießen. I was easy, just easy! Doch dann krachte die fremde Welt in meine erzwungende Ruhe.

Mit einem Temperament, das mindestens Stärke 7 auf der Richterskala eines Seismographen ausgelöst hätte, stürmte ein rübezahlartiger 2-Meter Mensch in den Raum. Bei meinem Anblick wurden zwei stahlblaue Augen in blankem Entsetzen aufgerissen und das sommersprossige Gesicht färbte sich puterrot. Er machte auf dem Absatz kehrt und suchte fluchtartig das Weite, wobei er seine Sprechstundenhilfe, die ihm höchstens bis unter die Achseln reichte, einfach über den Haufen rannte.

Erschrocken und etwas verwirrt blickte ich an meinem 26 Jahre alten Körper herab. So schlimm….? Der Blick der Sprechstundenhilfe, deren Frisur unter dem heftigen Zusammenprall sichtlich gelitten hatte, war geneigt, mir den Rest an Fassung zu rauben. Mit einer Entschlossenheit, die an die inquisitorischen Ausführungsorgane der Hexenverbrennung des Mittelalters erinnerte, flog sie auf mich zu, nahm eines der weißen Tücher, die auf der Pritsche lagen und schleuderte es mir auf den Schoß. „Anziehen!“ Fauchte sie und entschwand Türen knallend.

Wie in Trance glotze ich die Türe an. Erst ausziehen, dann wieder anziehen – irgendetwas war hier völlig unlogisch. Gehorsam klamüsterte ich, kramphaft um Ruhe bemüht, das weiße Etwas auseinander, das sich als OP Hemd entpuppte. Etwas ratlos dreht ich es hin und her…. Na, vermutlich Schlitz nach vorne. Schließlich war dies eine gynäkologische Untersuchung, bei der es angebracht schien, dass der Arzt etwas sehen konnte…. Also rein ins Flügelhemd und Schleifchen unterm Kinn binden.

Diesmal hatten sie sich abgesprochen. Die Sprechstundenhilfe äugte erst vorsichtig um die Ecke, um zu sehen, ob die Luft rein war. Mein Anblick entlockte ihr ein hysterisches Keifen. „Nein, nein, nein, nicht so!“ Ungeduldig riss sie mir das Hemd vom Körper. Also doch Schlitz nach hinten…. „HINLEGEN!“ Wie fern gesteuert gehorchte ich. Sie nahm ein zweites, überdimensionales Laken, breitete es über mir aus und begann es unter meinem Körper fest zu stopfen.

Mit einem Mal verstand ich! Sie verwechselten mich mit jemandem der operiert werden sollte! Unendlich erleichtert, die Bedeutung dieses höchst denkwürdigen Verhaltens erfasst zu haben rief ich: „Entschuldigung, aber ich bin nur zur Untersuchung hier!“ Sie schnappte nach Luft, wie ein Karpfen, den man ohne Vorankündigung aufs trockene Ufer geschleudert hat. „Ja, was glauben Sie denn, was das hier ist? Eine Peep Show?“

„………..?“

Krachend fiel die geplagte Türe ins Schloss. Mein erleichtertes Lächeln war zu einem blöden Grinsen erstarrt, das sich wie eingemauert auf meinem Gesicht festhielt. Ich lag da, eingemummelt wie ein Kokon und es war mir völlig schleierhaft, wie ich in diesem Zustand untersucht werden sollte. „Easy!“ dachte ich und zwang mein klapperndes Gebiss unter Kontrolle. „Take it easy, verdammt noch mal!“

Mit gleichem Schwung wie zuvor rauschte Dr. Rübezahl in den Raum, gefolgt von Sprechstundenhilfe Rumpelstilz. Er war wirklich riesig. Mit einem Schlag begann ich zu beten, dass ich mich nicht in der Türe geirrt hatte und versuchte mich zu erinnern, was auf dem Schild neben der Klingel stand, die ich betätigt hatte. Hoffentlich hatte ich mich nicht in die Abteilung eines Schönheitschirurgen verirrt, der alle Nasen, die ihm begegneten, in Michael Jackson Form verwandelte, ohne dabei je auf die arme Seele des beschnippelten Wesens zu achten.

Mit einem seltsam gemischt erzwungen-gelassenen Gesichtsausdruck, begann Dr. Rübezahl seine Pranken, die problemlos den Durchmesser eines Klodeckels erreichten, erst umständlich durch das Laken und anschließend durch das das OP-Hemd zu wurschteln, um meine Brüste abzutasten. Der Mann verhielt sich fast wie ein richtiger Arzt – aber die Tatsache, dass er seinen Blick stur auf die Wand über mir heftete, als wolle er die Knubbeln im Rauputz zählen, störten den professionellen Eindruck – zumindest in meiner damaligen Einschätzung…

Anschließend die gleiche umständliche Prozedur von unten. Nur, dass er diesmal auch seinen gesamten massigen Oberkörper unter das Laken wühlte. Bewegungslos, wie eine Statue, stand Rumpelstilz daneben und ließ mich nicht aus den Augen. Trotzdem kehrte langsam die Durchblutung in meine Gesichtsmuskeln zurück und diese signalisierten beginnende Bereitschaft, sich meinen Anweisungen wieder zu unterwerfen. Endlich war ich in der Lage, den Mund zu schließen. Nur den verzweifelten Unterton in meiner Stimme hatte ich nicht unter Kontrolle und so konnte ich nur hauchen: „Was zum Teufel machen Sie da?“

Ruckartig schoss Rübezahls gerötetes Gesicht unter dem Laken hervor. Mein Anblick veranlasste ihn diesmal zu einem väterlich-beruhigenden Lächeln und mit sanfter Stimme erklärte er mir, dass dies eine gynäkologische Untersuchung sei und ich nichts zu befürchten habe, da alles was er tue, zu einer Untersuchung dieser Art notwendig sei! Dr. Rübezahl war zwar riesig, aber eigentlich ein sanfter, einfühlsamer und sehr freundlicher Mann, der nun wieder in unverhohlenes Staunen verfiel, als er meine Fassungslosigkeit bemerkte und mein Kiefer wieder nach unten klappte. Hatte der einen Knall oder ich? Doch dann erlöste mich eingnädiger Adrenalinstoß aus meiner Erstarrung. „Dass Sie unter dem Laken nicht nach Gold suchen, nehme ich an – aber Sie können doch gar nichts sehen!“ Jetzt keifte ich fassungslos, nicht ohne das typisch kalifornische „fuck’n“ überall da unterzubringen, wo es mir angebracht schien.

Er stutze, bevor er verwirrt – verschmitzt lächelnd eine Taschenlampe hervor zog, um mir diese mit einer Geste entgegen zu halten, als wolle er sagen: ‚sieh mal, was ich für ein Hund bin’. Verblüfft beäugte ich die Taschenlampe und holte dann Luft: „Seit 10 Jahren unterziehe ich mich zweimal jährlich einer gynäkologischen Untersuchung. Aber das hier ist das Bescheuertste, was ich jemals erlebt habe!“ giftete ich.

Jetzt bestaunte er seine Taschenlampe „S-s-Sie haben schon mal…..w-wieso bescheuert?“ Das war zu viel und mir platzte der Kragen. Meine Stimme hatte mich wieder und ich begann zu brüllen. „Erst verpacken Sie mich wie eine Mumie und dann gehen Sie mit einer Taschenlampe auf Tauchstation. Das IST bescheuert. Jetzt setzten Sie mir endlich die Spirale ein und lassen Sie mich heimgehen….!“

Das heißt, das wollte ich brüllen. Aber mein exorbitanter Stress und meine Verwirrung hatten meine fremdsprachliche Koordination  aus dem Ruder laufen lassen. Ohne es zu bemerken, hatte ich den den englischen Begriff „IUD“ (intrautenary device = Spirale) mit dem Begriff „HBO“ verwechselt – dem Namen eines amerikanischen Kabelkanals. Man stelle sich das ganze garniert mit dem begleitenden, typisch kalifornischen „fuck’n“ vor.

Was folgte, war die berühmte Stecknadelstille.

Jetzt war er es, der sich um Ruhe bemühte. Mit einer Kopfbewegung schickte er Rumpelstilz aus dem Zimmer, die die Türe zum ersten mal ganz leise hinter sich schloss. Dann setzte er sich neben mich, strich mir über die Wange und fragte mich vorsichtig, ob ich wisse, welches Datum wir haben. Ich wusste nicht warum, aber er hielt mich tatsächlich für verrückt und untersuchte meinen Geisteszustand – eine Kokonzwangsjacke trug ich ja schon. Mir drängte sich der Oldie „I wanna go home…“ auf, aber ich verkniff mir den Impuls, in dieser Situation auch noch zu singen. Stattdessen hauchte ich ein verzagtes: „in Deutschland machen die Ärzte das alles ganz anders!“ hervor. Und endlich verschaffte sich Verständnis schrittweise Zutritt zu der verfahrenen Situation. Wahrscheinlich hatte mein akzentfreies „fuck’n“ verhindert, dass er mich als Ausländerin erkannte.

Erst jetzt stellte sich heraus, dass ich mit der amerikanischen Gesetzgebung nicht vertraut war, die Gynäkologen verbietet, Patientinnen unbekleidet zu untersuchen. In USA liefen etliche Strafanzeigen gegen Gynäkologen, weil  prüde Amerikanerinnen nicht erwartet hatten, dass eine gynäkologische Untersuchung sich auch auf das Innere ihrer Vagina bezog. Die Sprechstundenhilfe hatte nicht im Traum daran gedacht, dass ich ihre Einladung „to undress“, mich zu entkleiden, so wörtlich nehmen würde und mir den Versuch eines weiblichen Angriffs auf ihren Chef unterstellt. Mir selbst widerum war der Gedanke, dass von einem Gynäkologen die Gefahr eines sexuellen Missbrauches ausgehen könnte, noch nie in den Sinn gekommen. So hatten wir vorzüglich aneinander vorbeigeredet und ich hatte, trotz meinem Bemühen, mich korrekt zu verhalten, ein unfassbares Chaos verursacht.

Ich vergass nie wieder, dass die Prüderie, die ich in den USA immer wieder mit Verwunderung zur Kenntnis nahm, noch viel buntere Blüten trieb, als ich angenommen hatte. Von nun an wusste ich, dass Nacktheit in den USA auch beim Arzt zu den Dingen zählten, die man unter keinen Umständen easy taken darf!

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