Supercalifragelisticexpialligocious

Multilingual zu sein finde ich sehr erstrebenswert. So erstrebenswert, dass ich sogar gerne etwas dafür tue. Mein Englisch ist passabel, mein Französisch knarzt etwas rostig, kommt aber normalerweise in französischer Umgebung nach einer Weile ächzend wieder in Gang, italienisch wird geradebrecht und spanisch büffle ich gerade. So fraß ich mich gerade durch spanische Grammatik Übungen, als mich die Kunde erreichte: wir fahren nach Frankreich. Monaco genauer gesagt.

Und so landeten wir in der kleinen Sonnenstadt am Hang, in der der Baulärm ebenso zum Alltagsgeräusch gehört, wie das Geschrei der Möven. Die Monegassen, von denen es nur 38.000 auf 2ha gibt, sind ein ausgesprochen freundliches und hilfsbereit Völkchen. Es gibt nicht viele Straßen in Monte Carlo, aber die, die es gibt, führen direkt in die Verwirrung. Wenn man zum sechsten Mal an dem Polizisten an der Kreuzung vorbei fährt, an der die Straßen immer enden, egal, wo man vorher abgebogen ist, hebt er freundlich die Hand.

Angeblich gibt es an jeder Ecke Überwachungskameras. In der Präsentation vor Ort heißt es ebenso humorvoll wie stolz: „Egal, was Sie machen, wir wissen es.“ Man kann sich gut vorstellen, wie die Polizisten die touristischen Irrfahrten an diversen Bildschirmen beobachteten. „Da kommen sie wieder, diesmal von rechts!“ „Jetzt von links“ Zwischen drin werden Wetten abgeschlossen: „wie oft kreisen die jetzt im Kreisverkehr? Die letzten haben es auf 32 mal gebracht.“  „Ja wo laufen sie denn?“ „Ah, jetzt kommen sie von unten“ „Wohin rollst du, Äpfelchen?“ „Warte nur, gleich kommen sie von oben, sie fahren nämlich gerade in die Sackgasse“. Die allgegenwärtige Polizei geht mit den Irrfahrern ebenso nachsichtig und freundlich um, wie die einheimischen Verkehrsteilnehmer – egal, ob diese mit dem Gogomobil oder dem Bentley unterwegs sind. Ein verzweifelter Blick genügt und sie bremsen auch für Fremde. So wollten wir natürlich ebenfalls freundlich sein und mühten uns auf französisch.

Kurz vor der Rückreise, also gerade als wir uns auskannten, unterhielten wir uns mit Cloé, die, wie alle Monegassen, herzlich zugewandt und freundlich interessiert war. Was wir so machen, wollte sie wissen und Simone erklärte unsere Art der Strategiearbeit. „Wir haben auch ein Buch, allerdings nur in deutsch.“ fügte ich hinzu und ließ eine Pause für Cloé’s Reaktion, deren Ausbleiben einem Gesichtsausdruck Platz machte, der ein wenig an einen zerebralen Programmabsturz erinnerte. Dabei hatte ich alles richtig ausgesprochen, fast akzentfrei: „nous avon un lit, mais seulement en Alemagne!“ Cloé starrte mich entgeistert an, also versuchte ich zu helfen. „Le lit est traduissant en anglaise por une amica!“  Erklärte ich engagiert. „Ah!“ Ihr Gesicht erhellte sich und sie erklärte in französisch, dass sie nun verstanden hätte, dass ich auch hier übernachtet hatte.…

Äh…?

Simone nannte ihr die Adresse, in der ich genächtigt hatte, während ich immer noch mit der Versuch beschäftigt war, ihre seltsame Reaktion zu verstehen. Der Einfachheit halber switchten wir auf Englisch und unterhielten uns noch eine Weile. Nun passten ihre Reaktionen wenigstens zu meinen Aussagen. Als wir uns herzlich voneinander verabschiedeten war klar, dass es gute Chancen gab, dass wir zusammen arbeiten würden. Allerdings war das offensichtlich weniger auf meine französische Gewandtheit zurück zu führen…

Auf der Heimfahrt ließ mich Cloé’s seltsame Reaktion nicht los und ich grübelte. Auf der Höhe des Gardasees fiel mit plötzlich ein, dass „le lit“ nicht ‚das Buch‘, sondern ‚das Bett‘ und Allemagne ‚Deutschland‘ heißt. ‚Allemand‘ wäre das korrekte Wort für deutsch gewesen. Cloé’s Gesichtsausdruck bekam eine gewisse Logik, als ich meinen eigenen Satz übersetzte: ‚wir haben ein Bett, aber nur in Deutschland.‘

Aha!

Mir dämmerte langsam, dass der erste Teil meines zweiten „Kunst-rukts“ dann wohl auch in gewisser Weise fehlerhaft gewesen war. Mit dem Satz „Le lit est traduissant por une amica!“ hatte ich mich in grammatikalische Höhen verstiegen, die es gar nicht gab. Zumindest nicht in französisch. Der Infinido ist erstens an dieser Stelle falsch und gehört zweitens ins Spanische. Traduissant war also ein französischer Neologismus, der zwar noch nie benutzt wurde, das Wort „traduier“ (übersetzen) jedoch gerade noch so erahnen ließ. „Heißt „traduir le lit“ nicht ‚das Bett überziehen?“ fragte Simone empathisch.

N – nein. Betten übersetzt man nicht ins Englische. Auch dann nicht, wenn sie neu überzogen werden müssen.

Analysieren wir also den zweiten Teil des kreativen Konstruktes. „por une amica!“ „Por“ ist spanisch und bedeutet ‚für‘, während „amica“ Freundin auf italienisch heißt. Yesss, Ma’m, what a sentence! Immerhin hatte ich zwischen falschen Übersetzungen, spanischer Grammatik und italienischen Vokabeln die Präposition ‚une‘ als französische Garnierung belassen. So konnte man mit Fug und Recht davon ausgehen, dass ich zumindest französisch zu sprechen gedachte hatte – auch wenn ich es nicht tat. Für Flüssigkeit der Sprache und Aussprache hatte ich eine 1 verdient. Aber es ist möglich, dass Cloé sich gefragt hatte, wie es sein konnte, dass sie etwas Französisches hörte, es aber nicht um die Burg verstand.

Um mein zerstörtes Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, erinnerte ich mich an dieser Stelle, dass „hur mor du“ „wie geht es dir“ auf schwedisch heißt und ich „mor“ nicht richtig aussprechen kann. Das o hat einen kleinen Kringel und klingt ein wenig wie Elch, nur mit A und mit m vorne und r hinten und ohne lch. Es muss auf eine genetisch bedingte Angst vor den Wikingern zurück zu führen sein, dass unsereiner Schwedisch nur schwer aussprechen kann. Können wir das nächste Mal bitte nach Schweden fahren? In schwedisch können mir nicht so viele Fehler unterlaufen, denn da bin ich aufgrund der Aussprache nicht so eloquent….

Multilingual führt also, wenn die Perfektion noch nicht am Horizont erschienen ist, durch die verbale Verstopfung infolge linguistischer Verwirrung. Aber ich wette, ich könnte den gleichen Satz genau so falsch in spanisch. Multilingual klingt klasse und Verständnis wird überbewertet. Auch, wenn ich freestyle an anderer Stelle genieße – bevor ich jetzt weiter probiere, studiere ich lieber noch ein wenig.

2 Kommentare

  1. Barbara sagt: Antworten

    Ich kann mir das Bild von Cloés Gesichtsausdruck bildlich vorstellen. Wenn jemand so überzeugt drauf los schmettert und man ihn dennoch nicht versteht ;-). Mir gelingt es manchmal, beim Spanisch-Sprechen polnische Worte einzuflicken ohne es zu merken. Das hat dann auch den Cloé-Effekt ;-).

  2. Ich habe mal in einem Damenchor dieses Lied mit dem unaussprechlichen Titel „Supercalifragelisticexpialligocious“ aus Mary Poppins Filmmusical singen dürfen. Das Wort ist ein „Tongue Twister“, ein Zungenbrecher, par excellence, das mehr hermacht als dahinter steckt. Mehr Schein als Sein. Ich bin schon lange nicht mehr in dem Chor, aussprechen kann ich das Wort immer noch nicht.

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