Vom Armuts- zum Wohlstandsdenken

von Tina Wiegand

Der Luxusgaul

Die einen arbeiten, wenn sie Geld brauchen, die anderen lamentieren, was in Deutschland zum gleichen Ergebnis führt. Lamentieren stimuliert den Staats-Euter und schon fliegen gebratene Tauben, wenn nicht in den Mund, dann doch um die Ohren. Neureiche zeichnen sich dadurch aus, dass sie glauben, Probleme mit Geld lösen zu können. Wer das Pferd namens Luxus schon reiten kann, hat aber gelernt, dass der Schuss nach hinten losgeht. Probleme mit Geld zu lösen ist, wie ein Furunkel mit einem Pflaster heilen zu wollen. Probleme gehören an die frische Luft, mit beherztem Schnitt aufgeschnitten und der Dreck rausgeholt. Die Selbstheilungskräfte erledigen dann den Rest. Nur so ist entzündungsfreie Heilung möglich. Wenn es im reichen Deutschland aktuell etwas entzündlich ist, dann liegt es unter anderem vielleicht daran, dass weder der Umgang mit Furunkeln, noch mit Luxusgäulen geläufig ist.

Fluch der Verwöhnung

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Geld Zufriedenheit steigert. In manchen Fällen passiert sogar das Gegenteil. So schreibt Paul Watzlawik in seinem Besteller „Anleitung zum Unglücklichsein“, dass man, wenn man jemanden unglücklich machen möchte, ihm einfach alles gibt, wonach er verlangt. Wer Kinder hat weiß, dass durch „gib ihm, er guckt“ verwöhnte Kinder unzufrieden und aggressiv sind. Sie entspannen sich, wenn man ihnen Grenzen setzt und durch ein klares „Nein“ von der Übersättigung befreit. Frustrationstoleranz macht stark und resilient, Verwöhnung ist ein Fluch. Wer manchmal fastet, kennt den wohltuenden Aspekt des Verzichtes und die Köstlichkeit des folgenden Genusses.

Wohl haben

Wer Wohl-habend ist, hat, wie das Wort schon sagt, Wohl. Wohl hat man aber nur, wenn man es sich selbst beschafft. Wohl ist der Zustand, der sich nach angemessener körperlicher und geistiger Aktivität einstellt. Ein Mensch kann dem anderen Geld geben, aber kein Wohl, egal, wie Wohl-tuend er ist. Menschen sind per sé keine Pflegefälle, aber sie lassen mit sich reden, wenn ein Fernseher in der Komfortzone steht, in der sie in Ruhe zu degenerieren gedenken. Wenn wir von einer Schere zwischen arm und reich in der Gesellschaft sprechen, so müssten wir vielmehr einen Unterschied zwischen den Wohlhabenden und den Degenerierten machen. Wohl zu haben ist eine innere Haltung, die bestimmte Grundlagen voraussetzt. Um wohlhabend zu werden, muss man das Armutsdenken überwinden. Aber wie stellt man das an?

Erstmal gilt es, Armutsdenken zu identifizieren und die diversen Symptome zu erkennen, die es zu kurieren gilt:

Symptom Nr. 1: Gelddenken

Es gibt genügend Reiche, die weit entfernt vom Wohl sind. Der Millionär Paul Getti sagte: „Wenn man kein Geld hat, denkt man immer ans Geld. Wenn man Geld hat, denkt man nur noch ans Geld.“ Wer permanent an Geld denken muss, hat seinen Lebenssinn verloren, macht ein Nutztier zum Regenten und ist eine ganz arme Socke – egal ob reich oder arm. Insofern ist das permanente Denken an Geld oder eben den Mangel desselben, ein lautes Anzeichen von Armutsdenken. Wenn Geld zum Götzen wird, erhebt es, wie jeder, der machtgeil aber nicht führungsfähig ist, Anspruch auf die gesamte Aufmerksamkeit. So verschafft sich der schnöde Mammon Kontrolle über jeden, der ihn anbetetet und versklavt ihn lebenslang. Die Buffets dieser Welt sind also nicht bewundernswert, sondern behandlungsbedürftig. Leben beginnt da, wo die An- oder Abwesenheit von Geld keine Rolle mehr spielt und Geld wieder zu dem wird, was es ist: ein Tauschwert, der nichts ist, wenn es nichts zum Tauschen gibt.

Symptom Nr 2.: anderen den Willen aufzwingen

Wer anderen seinen Willen aufzwingt, wird selbst unfähig bleiben, denn er sucht nicht nach alternativen Lösungen, die seine Innovationsfähigkeit und Kreativität fördern. Platt ausgedrückt: wer zu faul ist, seine eigenen Probleme zu lösen, verblödet. Eigentlich ist das logisch, denn man bekommt ja auch keine Muckis, wenn man andere ins Fitnesscenter schickt. Vielleicht gibt es irgendwann eine „Trainier für mich mit“ App. Aber bisher klappt das noch nicht. Viele Menschen scheinen sich vor dem Verblöden gar nicht zu fürchten, obwohl angeblich die Gefahr der Demenz und anderen degenerativen Erkrankungen dadurch steigt. Vielleicht ist ja auch nicht bekannt, dass dem Verblöden die Unzufriedenheit vorausgeht. Wer also weder unzufrieden sein, noch verblöden will, sollte davon Abstand nehmen, anderen den Willen aufzuzwingen und sich selbst befähigen.

Wie man das macht? Sich mit fähigen Menschen umgeben und

1. Hysterie vermeiden

Wenn sich ein dreijähiges Kind im Supermarkt auf den Boden wirft, weil es seinen Lutscher nicht bekommt, dann befindet es sich gerade in einer schwierigen Phase. Wenn ein Erwachsener das immer noch tut, hat er zu oft Lutscher bekommen und daher den Schuss nicht gehört. Es gibt genügend Erwachsene, oft Frauen, die prophylaktisch einen Kreischanfall bekommen, um dem Umfeld Beine zu machen. Viele Kreischerinnen können zur Verblüffung des geneigten Beobachters ohne Vorwarnung in „heulendes Elend“ umschalten. Weil beides krank machenden Stress erzeugt, entwickelt das Umfeld eine „Kreisch-Heul-Vermeidungs-Strategie“, die darin besteht, das aufgerissene Maul unverzüglich, besser noch prophylaktisch im Vorfeld, mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu stopfen. Das führt dazu, dass das Umfeld von Heul-Kreischern sich in permanenter Lauerstellung befindet, telepathisch Bedürfnisse im Vorfeld identifiziert, um  diese, meist ebenso erschöpft wie erschöpfend, zu befriedigen. Wer dient, der herrscht, denn irgendwann kann die Herrin ohne Butler nicht mal mehr das Nachthemd ausziehen. Konditionierung bedeutet, sie bekommt durch ihr Verhalten immer das, was sie will und speichert es als Erfolgsmechanismus ab. Aber das, was sie will, tut nicht zwangsläufig gut!
Die Versuchsratte lernt: Knopf drücken = Futter
Heul-KreischerInnen lernen: Heul-Kreischen = Aufmerksamkeit satt.
Daraus entsteht mit der Zeit ein „Heul-Kreischen-statt-Denken-Mechanismus“, der mit der Zeit nicht mehr besser, sondern mit zunehmendem Alter immer schlimmer wird. Wer immer bespielt wird, verlernt das Selbst-Spielen. Dass das nicht intelligenzfördernd sein kann, sollte einleuchten. Wer also Mamas Intelligenz nicht im Weg stehen will, steigt aus, sobald es sein Alter erlaubt. Egal ob nervtötende Logorrhoe (Sprechdurchfall) oder hysterisches Heul-Kreischen – unter KEINEN UMSTÄNDEN tun, was diejenige will.
Sollte dies eine Heul-KreischerIn lesen, mein Tipp: Kreischen abstellen, denken einschalten! Punkt!

2. Gewalt abstellen

Grundsätzlich können auch Männer kreischen und Frauen gewalttätig werden. Aber Sexismus dient erstens dem Humor und zweitens der Vereinfachung. Deswegen erlaube ich mir die Auslegung, dass das Prinzip der Konditionierung auch für das Pendant zur kreischenden Frau: den gewalttätigen Mann gilt. Seine Sätze beginnen: „man kann ja wohl erwarten, dass…“ Wagt das Gegenüber ein mehr oder weniger zaghaftes „Nein“, wird der Ton sofort drohender und steigert sich zum Knurren. Die meisten gehorchen, bevor die Faust fliegt und nennen das Deeskalation. Kinder müssen sich gewalttätigen Eltern fügen, denn sonst laufen sie Gefahr, ernsthaft verletzt zu werden. Als Erwachsener kann man Erlkönigen jedoch aus dem Weg gehen. Wer nicht in den Strudel des Armutsdenkens gerissen werden und alles verlieren will, lässt sich niemals auf ein „…und bist du nicht willig …“ ein. Lieber umschifft man Erlkönige weiträumig und überlässt sie den Ordnungshütern, die das besser können. Otto der Normalverbraucher kann sich eine Scheibe davon abschneiden, wie lange Polizisten routiniert ruhig bleiben, sich in aggressiv aufgeladenen Situationen statt Empörung der Sachlichkeit bedienen und durch körperliche Präsenz und ihre Position für angenehme Ruhe und einen verbindlichen Ton sorgen. Erlkönige jeglicher Couleur sind eigentlich fehlgeleitete Gammas, die patente Alphas benötigen. Aber sie kennen keine positive Authorität. Deswegen schreien sie nach Scharia & Co., die sie selbst brauchen würden, um nicht völlig über Bord zu gehen. Wahrscheinlich sind deswegen alle monotheistischen Götter manchmal etwas rabiat. Leider mangelt es diesen ob IHRER ätherischen Existenz an göttlich-handfesten Hab-mich-lieb-Jacken, die den benötigten Halt vermitteln könnten. Wie sich spirituelle Armhalter vermaterialisieren, die aggressive Armleuchter zum Strahlen bringen könnten, weiß ich leider auch nicht. Ich kann nur den Tipp geben, die Herrschaft über andere durch Selbstbeherrschung zu ersetzen, weil das auf Dauer zufriedener macht.

3. Rufmord und Tratsch abstellen

Wenn jemand verbal durch Rufmord zerrissen und dem Spießrutenlauf ausgesetzt wird, kann man mit Sicherheit davon ausgehen: derjenige hat nicht getan, was von ihm verlangt wurde. Spießer zeichnen sich nicht zwangsläufig durch Gartenzwerge, wohl aber durch die Bereitschaft aus, andere mit ihren spitzen Zungen aufzuspießen und verbal in der Luft zu zerreißen. Spießer sind Menschen die den eigenen (psychischen) Unrat im Vorgarten des Nachbarn abladen und dann mit dem Finger auf ihn zeigen. Wahrscheinlich ist der eigene Besen kaputt, denn sonst würden sie sich ja ihre Zufriedenheit vor der eigenen Türe erkehren. Spießer sind Ankläger, Richter und Lynchmob in einem. Sie wissen immer, was richtig und falsch ist, sind die ewig gestrigen Gauleiter der Nachbarschaft, haben gleichzeitig Angst davor, dass die Anderen ebenso niederträchtige Gedanken haben könnten, wie sie selbst und wissen darüber hinaus wenig mit ihrer Zeit anzufangen. Wer bösartig tratscht, ist in seinem Prozess der Verblödung weit fortgeschritten. „Go wash your mouth with soap!“ sagen die Amerikaner zu Kindern, die sich ungebührlich geäußert haben. „Lies den Shogun und lerne französisch!“ rate ich jedem Tratschweib, egal ob männlich oder weiblich. Das Hirn muss trainiert werden und es ist umweltverträglicher, wenn beim Kaffeeklatsch geistiger Dünnpfiff durch Bildung ersetzt wird.

  1. Das Trickstern bleiben lassen

Intelligente Kinder leiden unter lernresistenten und darob rechthaberischen Eltern und Lehrern. Sie fühlen sich unverstanden, geistig unterfordert und gleichzeitig ungerecht  behandelt. Aus dieser unbefriedigenden Haltung heraus beginnen sie, die Erwachsenen auszutricksen und Streiche zu spielen. Bei den hier beschriebenen Erziehungsberechtigten kommen sie damit spielend durch. Trickster-Kinder jagen die hagestolzen Großen vergnügt und mühelos immer wieder an die Decke. Diese blamieren sich im Umkehrschluss durch ebenso wichtigtuerisches wie ohnmächtiges Sanktionierungs-Getöse. Trickster sind eine tragische Ausprägung der Weisheitsregel, dass das Weiche über das Starre siegt. Knochenlos erzählen Trickster Geschichten und drehen so lange an der Wahrheit, bis der Safe aufgeht. Glücklich macht sie das auch später als Erwachsene nicht. Sie kriegen mit ihren kleinen Halunkereien, die nicht direkt kriminell, aber dennoch ausbeuterisch und boshaft sind, den kurzfristigen Kick und sind wahre Spezialisten der Tintenfisch-Politik. Immer hat das Gegenüber erst Sand in den Augen und dann einen Nasenring, wo keiner einen haben will. Der Trickster ist ein Fuchs, der das Fuchsen irgendwann nicht mehr lassen kann und dann auch die ausfuchst, die es gut mit ihm meinen. Deswegen fällt er eines Tages in einen unendlichen Abgrund aus zahllosen Gruben, die er für die gegraben hat, die vermeintlich doofer sind als er.
Tipp: Nur die Intelligenz, die seriös eingesetzt wird, führt zu wahrer Größe. Auf dem Weg kommt allerdings mit der Liebe der Schmerz. Wer das ausgehalten hat, braucht nie wieder zu tricksen. Also Trickster: sag feig!

Die Liste der Symptome ließe sich fortführen, aber wenn ein Blog zu lang ist, will ihn keiner mehr lesen. Deswegen schließe ich hier mit der Beobachtung, dass alles Leben immer in Richtung Sonne wachsen muss. Das, was den Menschen von allen anderen Spezies unterschiedet, ist sein freier Wille, der ihm ermöglicht seinen Kopf dahin zu stecken, wo er nicht hingehört. Dabei ist Sand noch die harmloseste Variante. Ein wenig Photosynthese und die freie Entscheidung, die Seele zu kultivieren, um der Lichtblick zu werden, den man gerne hätte, reichert das Wohl in der eigenen Welt an. Wohl denn mein Herz, nimm Abschied und gesunde (Hermann Hesse)

1 Kommentar

  1. Grossartig! ich wüßte nicht, wie es hurmorvoller und direkter formulieren sollte. Einfach herrlich-ein Genuß!

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