Wenn einer eine Gruppe gründet….

von Tina Wiegand

Wenn einer eine Gruppe gründet…

…hat er in der Regel eine gute Idee. Diese Idee muss so gut sein, dass sich ihm andere anschließen und oft wird mit großem Enthusiasmus ans Werk gegangen. Jedem Anfang liegt ein Zauber inne und zwar der Zauber der Träume, die mit der Unternehmung verwirklicht werden sollen. Ein Visionär möchte diese Welt besser machen, möchte einen Beitrag leisten. Und wenn seine Ideen ausgegoren sind, möchten manche mit Freude dabei sein. Doch bis eine Idee ihren Platz auf dieser Welt gefunden hat, wird sie einige stümische Phasen durchlaufen. Das bestehende System ist in der Regel nicht der Meinung, dass etwas Neues not-wendig ist und wehrt sich. Das muss nicht böse gemeint sein. Mit einer neuen Idee verhält es sich eher so, als wollte man einen Platz auf einem Kettenkarussel in voller Fahrt ergattern. Dabei kann man sich schon mal eins auf die Pfoten bekommen.

Umgang mit Gegenführern

In jeder Gruppe gibt es Gegenführer, eine Opposition zu demjenigen, der ursprünglich die Gruppe gegründet, bzw. das Gruppenziel festgelegt hat. In der Regel ist die Opposition eine fruchtbare Einrichtung, die immer wieder dazu aufruft, neu zu überlegen, zu hinterfragen und das Gruppenziel weiter zu entwickeln. Wer klug ist, wird die Interessen seiner Gruppenmitglieder in der Erarbeitung des Gruppenzieles berücksichtigen, denn nur eine Gruppe, die berücksichtigt wird, kann den Weg mitgehen. Wenn sich eine Gruppe darauf einigen kann, auch unbewusste Strukturen zu berücksichtigen, wird durch die Konfrontation des Initiators mit der Opposition ein fruchtbarer Lernprozess angestoßen. Ein Gegenführer mit guten Führungsqualitäten und einer hohen Verantwortungsübernahme erzeugt in der Gruppe zwar immer wieder heiße Diskussionen, aber „es geht nichts kaputt“. Gegensätzliche Standpunkte können trotzdem gleichermassen dem gleichen Gruppenziel dienen.

Gegenführer sind keine Initiatoren

Initiatoren zeichnen sich durch hohen Ideenreichtum aus und werden sich nur gezwungenermassen den Zielen anderer anschließen. Eher versuchen sie, ihre eigenen Ideen in die Welt zu bringen, auch wenn dies der schwierigere Weg ist. Ihre Unternehmungen geben anderen die Gelegenheiten, sich mit ihren spezifischen Begabungen einzubringen. So finden sich Menschen zusammen, die den Weg gemeinsam gehen. Talente sind vielschichtig und vielseitig. Es muss nicht jeder ein Initiator zu sein, um eine zufriedenstellende Tätigkeit im Rahmen der Unternehmung eines anderen finden. Auch Gegenführer sind keine Initiatoren. Daher schließen sie sich erfolgsversprechenden Aktionen von anderen an, um dort ihren Führungsanspruch geltend zu machen. Wie schon gesagt, kann das fruchtbar sein, denn es ist eine gute Sache, Führung auf mehrere Schultern zu verteilen. Es hilft dabei, Betriebsblindheit zu minimieren und die Ideenvielfalt zu erweitern.  

Gegenführerschaft als Gefährdung des Lebenswerkes

Ein Gegenführer bleibt bereichernd, solange er seine eigene Einschränkung, nämlich die, dass er kein Initiator ist, berücksichtig und im Respekt vor dem Gruppenziel bleibt. Wenn sein Ego größer ist, als seine Kompetenz und die Interessen der Gruppe verletzt werden, kann es jedoch schwierig werden. Ein wenig kompetenter Gegenführer mit großem Ego und noch größerem Herrschaftsanspruch greift unter Umständen in seinem Unwissen Grundsätze an, die notwendig sind, um das Gruppenziel aufrecht zu erhalten. Da ihm oder ihr die Erfahrung als Initiator fehlt, wird der Angriff auf Grundwerte der Unternehmung unter Umständen weitreichende Folgen nach sich ziehen.

 Tyrannische oder süchtige Gegenführer

Nicht selten findet Gegenführerschaft aus destruktiven Motiven statt. Das passiert vor allem da, wo Gegenführer Tyrannen sind. Initiatoren lassen ihre Emotionen eher in ihr Werk fließen, tyrannische Gegenführer schicken ihre Energien in ihren Herrschaftsanspruch. Viele Initiatoren ziehen hier den Kürzeren, denn oft fehlt ihnen dieser Herrschaftsanspruch – oder zumindest die Bereitschaft, diesen auf Gedeih und Verderb zu verteidigen. Auch die verschiedenen Formen von Sucht, sei es stoffliche Süchte wie Alkoholismus oder nicht stoffliche Süchte wie Konsum-, Vergnügungs-, Kritik- oder Geltungssucht sind im höchsten Maße zerstörerisch. Auch wenn viele Suchtformen einen pathologischen Charakter haben und behandelt werden müssen, ist im Rahmen eines Unternehmens zu berücksichtigen, dass die Suchtkranken nur einem Ziel dienen (können) und darauf fixiert sind: dem Suchtziel. Wenn der Initiator nicht rechtzeitig reagiert und unterliegt, bedeutet das Ende der Unternehmung und die Zerstörung der ursprünglich angestrebten Werte.

 Die „Hidden Agenda“

Eine so genannte „hidden agenda“, also „versteckter Plan“ bedeutet, dass der Gegenführer einen eigenen, geheimen Plan verfolgt, den er nicht offen diskutiert. Ein Gegenführer kann z.B. die geheime Absicht verfolgen, den Initiator aus dem Spiel zu drängen, um selbst von den Ideen, die er selbst nicht iniziieren könnte, zu profitieren. Ein Gegenführer kann auch der Erfüllungsgehilfe einer feindlichen Organisation sein, so wie es beispielsweise in der politisch motivierten Sabotage der Fall sein kann.  Gegenführer, die aus regressiven Gründen destruktiv werden, steuern immer wieder Provokationen ein, die Zwist säen, so die Unternehmung belasten und natürlich auch gefährden. Wenn er seine Unternehmung schützen will, muss der Initiator den Machtkampf aufnehmen und sich durchsetzen. Gegenführer scharen durchaus Anhänger um sich und deswegen kann der Kampf andere mitreißen.

Ansteckung durch Tyrannen

Da herrschsüchtige Gegenführer der Manipulation mächtig sind, verstehen sie es durchaus so bedrohlich zu wirken, dass es andere nicht wagen, sich gegen sie aufzulehnen. Je leichter die Gruppe zu verschrecken ist, um so eher gelingt es dem Gegenführer, die Gruppe so zu spalten, dass bald nur noch der Machtkampf, aber nicht mehr das Gruppenziel im Fokus des Geschehens steht. Die Unternehmung wird gefährdet, wie ein Organismus, der zu hohes Fieber entwickelt. Wenn es eine pathologische Prägung im Sinne eines Psychopathen im Gegenführer gibt, kommt die Gefahr durch psychologische Ansteckung hinzu. Auf See nannte man solche Vorgänge Meuterei und bekanntlich wurde mit Meuterern kurzer Prozess gemacht. Auf hoher See hing davon das Überleben der Crew ab. Auch wenn es für Landratten nicht ganz so dramatisch wird, können solche Vorgänge Arbeitsplätze und damit die finanzielle Sicherheit der Gruppe gefährden.

Die Gefahr erkennen

Wie schon gesagt ist Opposition fruchtbar. Aber woran erkennt man, ob ein Gegenführer die Unternehmung gefährdet? Hilfreich ist, den Umgang des Gegenführers mit Dritten zu beobachten und sich Gedanken darüber zu machen. 
– Ist er Schwächeren/Abhängigen gegenüber wertschätzend oder herablassend?
– Ist er fürsorglich oder ausschließlich fordernd, oder gar arrogant und hochmütig? 
– Verhält sich der Gegenführer integrierend oder spaltend?
– Spielt er sich in Abwesenheit des Initiators wie der Chef der Unternehmung auf?
– Hintergeht er in geheimen Absprachen mit anderen den Initiator?
Wenn der Gegenführer Dritten gegenüber tyrannisch, sklaventreiberisch oder herablassend reagiert, ist die Unternehmung in Gefahr. Ob im Verein oder einem Geschäft – die Teilnehmer sind alle freiwillig da und ein unangemessen tyrannisches Verhalten wird alle die abschrecken, die kompetent sind. Das Abwandern der Kompetenz sollte jede Gruppenführung verhindern. Ein Gegenführer, der das nicht versteht, hat Ziele, die nicht dem Gruppenziel entsprechen. Wenn sich so ein Verhalten nicht durch Gespräche regulieren lässt, müssen Entscheidungen getroffen werden, diesen Gegenführer aus der Gruppe zu entfernen.

Dominanz, Spreu und Weizen

Initiatoren von erfolgreichen Gruppen haben oft einen hohen Dominanzanspruch. Doch nicht jeder Dominanzanspruch ist automatisch tyrannisch. Wenn ein Initator nicht in der Lage ist, die anderen Gruppenmitglieder vor dem diktatorischen Verhalten eines Gegenführers mit einer hidden agenda zu schützen, läuft die Gruppe Gefahr, zerstört zu werden. Wird ein tyrannischer Gegenführer aus einer Gruppe entfernt, werden ihm einige Mitglieder der Gruppe folgen. Wenn klare Entscheidungen getroffen werden, stellt sich oft heraus, dass es mehrere gibt, die mit einer Hidden Agenda unterwegs sind und das kann Gruppenmitglieder kosten. Auch ist manchen der Druck des Konfliktes zu stark und sie fürchten, selbst Angriffsfläche der Aggressionen zu werden. Doch ist es besser, die Gruppe zu verkleinern und für klare Verhältnisse zu sorgen, als Gruppenmitglieder, die sich in Abhängigkeitsstrukturen zum Gegenführer befinden, unter allen Umständen halten zu wollen. Aus diesen Zusammenhängen wird klar, dass jede Gruppe, die aus verantwortungsbewussten Mitgliedern besteht, die selbst einen klaren Anspruch vertreten, eine größere Überlebenschance haben, als Gruppen, die sich auf einen „Anführer“ verlassen und ihre Verantwortung delegieren.

Der Entwicklungsprozess

Jede Gruppe durchläuft Krisen, in denen der Weizen von der Spreu getrennt wird. Das gehört zur Entwicklung von Gruppenunternehmungen dazu, denn der Werdegang einer Gruppe ist gleichzeitig der Werdegang seiner Mitglieder. Allerdings können Entwicklung die Grenzen von Mitgliedern erreichen, die in diesen Situationen an eigene Grenzen stoßen. Es ist unbesehen, dass nicht jeder Mensch die eigene Größe ertragen kann und dafür gibt es eine Menge Gründe, die in den verschiedenen PrägungsSchichten der Persönlichkeit zu finden sind. Nur wer bereit ist, diese PrägungsSchichten auch zu betrachten und zu überwinden, kann das werden, was er werden kann. Es muss respektiert werden, dass nicht jeder das Interesse daran hat, Mühen auf sich zu nehmen, um dieses Ziel zu erreichen. Viele Menschen, und ich würde sagen, die Mehrheit der Menschen, ist in der Normose gefangen. Die Zwänge der Normalität sind oft der Käfig, in dem sich viele sicher fühlen. Deswegen bedeutet Normose nicht nur den Zwang normal zu sein, sondern auch die Komfortzone im Sinne des gemütlichen Elends. Wenn die Angst zu groß ist, verhindert sie die optimale Entwicklung oder das Finden des ureigenen Weges. Eine Lernaufgabe des Initiators ist, trotz des Vertrauensverlustes, trotz der Enttäuschungen, trotz der Aggressionen, die gegen ihn gerichtet werden, kein Tyrann zu werden, sondern das Umfeld immer wieder in die Verantwortung zu nehmen. Und das ist eine große Herausforderung für jeden Initiator. Denn die meisten sind auch nur Menschen.
Eine Möglichkeit, an den normotischen Zwängen zu arbeiten, und einen weiteren Schritt in deren Überwindung zu tun, ist die Teilnahme an einer unserer Lotus-Lounges. Melden Sie sich schon jetzt an für die nächsten Termine im Neuen Jahr 2018, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt auf 6-8. Wir veröffentlichen die Termine in Kürze.
 
 

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