Zukunft Digital

von Tina Wiegand

Ich habe für euch die Informationsfetzen zusammen getragen, die ich zum Thema Digitalisierung gesammelt habe. So ungefähr ist die Zukunft geplant und vielleicht versteht Ihr danach, warum viele das prima finden. Es erfüllt alle Anforderungen einer modernen Bevölkerung. Please meet Mr. Winterbottom.

Frühjahr 2048

„Guten Morgen, Ma‘m, es ist 7:00h. Zeit für Ihren Spaziergang.“ Ein wenig missmutig räkel ich mich in meinen Kissen. Ich würde heute gerne liegen bleiben, aber Mr. Winterbottom wird keine Widerrede zulassen, wie immer. „Danke, Mr. Winterbottom“ ächze ich, während ich mich in Richtung Bad aufmache. „Gern geschehen, Ma‘m!“ Mr. Winterbottom hält mir den Morgenmantel hin und zieht sich dann diskret zurück.

„Mein Heinz“

Als ich 70 wurde, hat mir die Regierung einen Androiden aus der Serie „Mein Heinz“ an die Seite gestellt. Ich durfte mir aussuchen, ob ich ein kleines Zuckerpüppchen Modell „Barby“, das rundliche Modell „Mama“, den legeren „Kumpel“ oder den zurückhaltenden „Sir“ haben wollte. Letzterer war aus meiner Sicht das geringste Übel und so zog „Mr. Winterbottom“ bei mir ein. Er ist ein höflicher, diskreter männlicher Android, der ein wenig an die Butler der alten Zeiten erinnert. Er verhält sich sehr korrekt und gibt mir die Illusion von Diskretion, denn wir bleiben beim „Sie“. Den britischen Flair hab ich ihm, als Ausdruck meiner Individualität, einprogrammieren lassen. Mir ist das lieber, als diese kumpelhaften Androidnaturen, die einem auch mal auf die Schulter klopfen. Die meisten verlieben sich in ihren Androiden, was mir eher unangenehm ist. Ich weiß die korrekte Zurückhaltung von Mr.Winterbottom zu schätzen.

Katzenwäsche

Ich bringe den Beißring in meinem Mund an. Durch Ultraschall in Verbindung mit frischem Pfefferminzschaum werden meine Zähne perfekt gereinigt. Karies ist Dank der neuen Technologie fast ausgestorben und auch die schmerzhaften Zahnreinigungen kann man sich sparen. Außerdem kann ich mich gleichzeitig waschen. Der biologisch abbaubaren Seifenschaum, desodoriert und entsäuert gleichzeitig und man braucht kaum Wasser. Praktische Sache. Dass das Ergebnis meines morgendlichen Toilettenbesuches noch in der Toilette analysiert und die Daten direkt an Mr. Winterbottom übertragen werden, übersehe ich geflissentlich. Bei der Überwachung meines gesundheitlichen Zustandes hört die Diskretion auf. Wenigstens betet er mir meine Blutwerte nicht beim Frühstück vor. Das hab ich ihm abprogrammieren lassen. Die anderen lassen sich da komplett verrückt machen, das mag ich nicht. Ich ziehe meinen Trainingsanzug an und Mr. Winterbottom reicht mir noch meinen morgendlichen Elektrolytdrink, bevor ich lostrotte.

Sport

Auch aus den anderen Türen treten einige rüstige Rentner hervor, die sich gemächlich in Bewegung setzten. Nach 10 Minuten treffen wir uns an einem überdachten Platz im Park, wo heute die gemeinsame Tai Chi Übung stattfindet. Wir wechseln immer durch. An einem Tag Tai Chi, am nächsten Yoga, dann ein Ruhetag mit Meditation, dann Schwimmen, dann Radfahren und wieder ein Ruhetag. Sonntags gehen wir wandern. So ist jeder Tag strukturiert und hat seine regelmässigen Abläufe. Immerhin bin ich fast neunzig und dafür super fit. Man hat sich darauf eingestellt, dass wir um die 120 werden und deswegen sind wir in einem körperlichen Zustand, den früher die 50jährigen hatten. Allerdings ist nicht sicher, wie sehr dieses Leben wirklich genossen wird… Schluss damit!
Ziemlich synchron durchlaufen wir unsere Tai Chi Routine und danach traben alle wieder nachhause. Frank, mein Nachbar hat letztens gemeint, er könne schwänzen. Aber seine Adroidin „La Mamma“ hat ihn gleich wieder eingesammelt und eine Beschwerde in seinem Datenbericht lanciert – drei Tage kein Nachtisch, was ihn zutiefst betrübte. Dieser Dummerling. Er weiß doch, dass die Androiden alle unsere Schwächen aufzeichnen. Sanktionen werden ganz subtil, aber durchaus wirksam eingesetzt. Frank ist jetzt immer als erster da.

Fuzz

Nicht weit von meinem Zuhause wedelt mir Fuzz entgegen, mein blonder Hundroid, der nach dem Vorbild eines Golden Retrievers gebaut wurde. Er fühlt sich genau so an, wie ein Hund, verhält sich wie ein Hund, holt den Ball, gehorcht, wedelt und freut sich. Aber er braucht kein Fressen, riecht nicht und vor allem: kackt nicht, denn das ist auf den künstlichen Rasenflächen verboten. Seit es strengstens verboten ist, Tiere zu töten, hat man versucht, die Hunde an das synthetische Hundefutter zu gewöhnen. Als sie das Futter trotz aller Bemühungen verschmähten, ließ man sie aussterben. Ich kann nicht umhin, über Fuzz, das wedelnde Nichtlebewesen zu lächeln, aber ganz tief innen …..

Frühstück

Vor unserem Haus schwebt eine Drohne, die das Essen für heute liefert. Der Chip in meinem Unterarm misst konstant meinen Blutzuckerspiegel, die Fettwerte und den Blutdruck. Die Daten werden Mr. Winterbottom übertragen, der dann entsprechende Massnahmen einleitet und passendes Essen bestellt. Seit die Bienen ausgestorben sind, gibt es Gemüse und Obst nun noch synthetisch. Die Hybridsamen sind eines Tages nicht mehr angegangen. Niemand wusste, warum. Deswegen gab es von heute auf morgen kein Getreide mehr. Aber die chemische Industrie rettet die Welt und bringt es fertig, Produkte zu erzeugen, die geschmacklich fast nicht vom Original zu unterscheiden sind – es sei denn, man bemängelt die absolute Perfektion. Wie schon erwähnt darf man Tiere nicht mehr schlachten. Es ist streng verboten, Nutzvieh zu halten. Also hat man die letzten Kühe und Schweine mit den Hunden aussterben lassen. Jetzt gibt es keine tierischen Lebensmittel mehr, das macht die Sache einfacher. Statt dessen züchtet man jetzt einzelne organische Zellen in Nährlösungen, die dann gleich in der Form eines Steaks oder Schnitzels wachsen. Das ist praktisch, bedarf keiner Verpackung und man muss die Steaks nur ernten und in die Kühlboxen legen, die dann von den Versorgungsdrohnen verteilt werden. Dafür, dass das reibungslos funktioniert, sorgen Logistikroboter, die auf einen perfekten Ablauf programmiert sind. Höchste Effizienz ist angesagt.

Logistik

Mr. Winterbottom, der inzwischen die Hausarbeit erledigt hat, nimmt die Kühlbox entgegen und dann hebt sich die Drohne in ihrer Magnetspur lautlos empor, weicht meinem Kopf aus und hält am nächsten Haus, wo Franks Chip seine „La Mamma“ angesteuert hat, um das richtige Essenspaket entgegen zu nehmen. La Mamma grüßt und verhält sich wie ein richtiger Mensch, genau wie Mr. Winterbottom. Die benutzte Box abgeben und die neue entgegennehmen. Normierte Bewegungen jeden Tag. Nur der Inhalt passt sich den Blutwerten an. Es ist nie zu viel und nie zu wenig Essen und enthält immer genau die richtigen, benötigten Nährstoffe. Das Gewicht wird konstant auf perfektem BMI gehalten. Sehr praktisch. Auch deswegen, weil man kein Geld mehr braucht.

Mein Frühstück besteht heute aus Spiegeleiersatz, Semmelersatz mit Butterersatz, künstlichem Tofuschinken, Erdbeerersatzmarmelade und schmeckt, wie früher die echten Lebensmittel. Die Erkenntnis, dass das alles Illusion ist, schiebe ich auf Seite. Ich esse gerne und mag den Geschmack. Wenn ich kritisiere, dann setzt Mr. Winterbottom mich auf Astronautennahrung und das hasse ich.

Körperpflege

Nach dem Frühstück begebe ich mich in die Dusche des SPA. Anschließend lege ich mich auf die angewärmte Keramikliege des Hammams und Mr. Winterbottom schäumt mich mit einem Handschuh am ganzen Körper ein. Dann werde ich lauwarm abgeduscht und es folgt ein Öl-Salz Peeling, das heute nach Pfirsichen riecht. Anschließen packt er mich wie eine Ölsardine in ein Laken und ich ruhe noch ein wenig. Heute wird entgiftet und gesunde Nahrungsstoffe dringen tief in meine Haut ein. Danach ab in die Dusche, Haare waschen und anziehen. Mr. Winterbottom hat alles perfekt vorbereitet und es gibt absolut nichts, über das ich mich beschweren könnte.

Arbeit am Schicksalsgenerator

Mr. Winterbottom hat mir ein Tom-Tom bestellt, eine Drohne, die mich nun stressfrei und entspannt zur Arbeit bringt. Man hat vor einigen Jahren erkannt, dass die Alten mit ihrer Lebenserfahrung gute Dienste an den Jugendlichen tun können und ich begleite seither Gruppen von 8-12 jungen Menschen als Mentorin ins Erwachsenenleben. Drei von Ihnen kommen heute vom Schicksalsgenerator zurück, das ist ein Simulator, der nach dem Zufallsprinzip entsprechend schwere Schicksalsschläge als Cyberrealität simuliert. Das wurde eingeführt, nachdem man erkannt hat, dass zu große Sicherheit und der ausschließlich reibungslose Ablauf des Lebens zu degenerativen Prozessen in Menschen führt. Seither setzt man auf Entwicklung durch kontrolliertes Zuführen schicksalhaften Erlebens. Ich bin in meinem Berufsleben Psychotherapeutin gewesen und habe Erfahrung mit traumatisierten Menschen. Dass meine drei Schützlinge traumatisiert sein werden, ist anzunehmen, denn sie haben realistische Bilder von Krieg, Unfällen und Schwersterkrankungen, vielleicht sogar Kapitalverbrechen erlebt, in denen sie nahestehende Menschen verlieren. Nach wenigen Stunden im Simulator vergisst man, dass man sich in einem Simulator befindet und die Erlebnisse sind zutiefst verstörend. Aber die drei sind jetzt 15 und müssen ihre Initiation durchlaufen. Wenn die schweren Schocks ausgeheilt sind, haben sie ein besseres Gefühl für andere und werden entsprechend verantwortungsvoll handeln – sofern sie gut durch den Heilungsprozess begleitet werden. Für mich ist das alles bereits Routine.

Neue Familien
Es ist meine zweite Gruppe. Die ersten sind schon erwachsen. Die Entstehung von Kindern wird heute nicht mehr dem Zufall überlassen. Die Kinderzeugungszentren sind dafür zuständig, die passenden Gene zusammen zu führen. Eier werden extrauterin befruchtet und nach Zufallsprinzip eingesetzt. So wird verhindert, dass genetische Mängel sich durchsetzen. Es gibt also keine Stammbäume mehr wie früher. Die Kinder wachsen in der Großfamilie auf und alle Erwachsenen übernehmen die Erziehungsarbeit gemeinsam. Meine richtigen Söhne haben meine Zöglinge wie die Geschwister in einer Großfamilie angenommen und begleiten inzwischen ihre eigenen Gruppen. Wir sind die letzten mit richtigen Familienbanden. Doch wir pflegen unser Auslaufmodell aus tiefster Überzeugung.

Arbeit

Da Arbeit als schädlich eingestuft wurde, hat man sie abgeschafft. Notwendigkeiten werden von Androiden verrichtet, so können sich die Menschen ganz und gar dem Menschsein widmen. Es finden Kommunikations- und Kreativtreffen für Erwachsene statt. Dort befasst man sich mit Intelligenztests und kreativem Schaffen, aber ohne Leistungsdruck, denn die meisten Dinge wie komponieren, malen oder schreiben können die Androiden sowieso besser. Mobbing und Bossing gibt es nicht mehr. Für das Gefühl von Sinnhaftigkeit sorgen die Elektrochips im Unterarm.

Der Arbeitsweg

Ich weiß, was mich erwartet und habe die anderen Kids meiner Gruppe vorbereitet. Ein kurzer Erinnerungsfetzen fliegt durch mein Bewusstsein – Erinnerungen daran, dass ich vieles von dem, was die Kids im Generator erleben, aus dem wahren Leben kenne… Doch schon hat sich der Fetzen verflüchtigt. Das Tom-Tom sieht aus wie ein riesiges Osterei, unten silbern, oben mit einem Deckel aus Panzerglas. Mr. Winterbottom wird in der Zeit, in der ich nicht da bin, für die Pflege von Neugeborenen eingesetzt. Alles ist effizient eingeteilt. Es gibt keine Ressourcen, die ungenutzt brachliegen. So wird auch er von einem Tom-Tom abgeholt und zur Entbindungsstation geflogen. Ich lehne mich in den weichen Sesseln zurück und schnalle mich an. Der Deckel aus Panzerglas schließt sich leise und das führerlose Tom-Tom erhebt sich lautlos in die Luft. Straßen gibt es schon lange nicht mehr. Ich hab gehört, dass Tom-Toms zugunsten virtueller Treffen mit anderen in 3D bald abgeschafft werden, das spart die Anfahrtszeit. Gut, dass Mr. Winterbottom immer sofort auf die neueste technische Innovation programmiert wird, so muss ich mich um nichts kümmern.

Wälder und Wetter

Während mein Tom-Tom in etwa 10m Höhe durch seine Magnetfeldschneise gleitet, betrachte ich die Welt unter mir. Sie haben das ganz gut gemacht mit den synthetischen Bäumen. Vor Kraft strotzende Laubwälder sehen fast aus wie die echten von damals. Ich gehöre zu den letzten, die sich noch erinnern können, dass sich die richtigen Wälder anders angefühlt haben. Aber was zählt ist, dass die Bäume richtig funktionieren und den Sauerstoff erzeugen. Rein optisch kann man nicht meckern, das muss ich zugeben. Alles ist einfach perfekt – sehr perfekt – bis hin zum Wetter, das genau kontrolliert wird. Seither gibt es keine Trockengebiete auf der Erde mehr. Das hat allerdings die natürliche Thermik gestört, sodass auch diese nun über Magnetfelder gezielt gesteuert wird. Segelfliegen kann man seither leider nicht mehr und auch manche Vögel haben gelitten. Sie sind zu tausenden abgestürzt, wenn sie versucht haben zu segeln. Anfangs dachte man, dass sie keine konkrete Aufgabe haben und ineffizient seien. Daher hielt man das Phänomen für ein rein kosmetisches. Aber dann stellte sich heraus, dass die atmenden Bewegungen der Vogelschwärme essentiell für die Energetisierung der Atmosphäre ist. So hat man jetzt große Schwenkarme installiert, die viele kleine auf Nanotechnik basierende Vogelimitate hin und her schwenken. Sieht schön aus – wie die Vögel damals.

Gute-Laune-Frequenzen

Der Elektrochip in meinem Unterarm entdeckt die leise aufkeimende Melancholie und steuert gegen. Dass Stress krank macht, weiß man inzwischen mit Sicherheit, also wird Stress eliminiert. Der Chip verbreitet elektromagnetische Wellen, die meine Stimmung aufhellen und die Melancholie verfliegt. Es gibt keine Medikamente mehr, das finde ich gut. Geheilt wird ausschließlich mit Frequenzen und elektromagnetischen Wellen. Wenn Krankheit stattfindet, ist im Vorfeld etwas schief gelaufen und deswegen kann man die Techifirmen sofort verklagen. Das ist nicht erwünscht und so sorgen die Elektrochips im Unterarm nicht nur dafür, dass das Leben logistisch perfekt abläuft und nichts verschwendet wird, man keine Schlüssel und Passwörter mehr braucht, sondern auch für eine konstant stabile psychische Verfassung. Die Weltregierung nimmt ihren Auftrag, die Bevölkerung optimal zu versorgen sehr ernst. Es gibt keine Armut mehr, jeder erhält täglich gesunde Anwendungen, das Essen wird kontrolliert und perfekt abgestimmt und den Rest regeln die Chips über Beeinflussung des Körpers über gesunde Frequenzen.

Nur schöne Erinnerungen

Mit den Emotionen verfliegen auch belastende Erinnerungen. Manchmal waberte die Zahl 911 zusammenhanglos durch mein Bewusstsein. Ich habe jedoch vergessen, dass das das Datum war, ab dem ich fast panisch vor einer amerikanischen Invasion gewarnt habe. Niemand hat mich ernst genommen, doch 2016 war das amerikanische Finanzunternehmen „Black Rock“ an jedem DAX Unternehmen beteiligt. Eine Wachdrohne flitzt vorbei. Auf mich achtet sie nicht, denn mein Chip sendet die Daten eines angepassten, unauffälligen Lebens. Die Drohne ist bewaffnet und ein amerikanisches Modell, ebenso wie die Bäume, die Nahrung, die Elektrochips und Mr. Winterbottom. Englisch hat als Weltsprache unser denglish endgültig abgelöst. Gut, dass ich auf mein fast perfektes Kalifornisch zurückgreifen konnte. Nach drei Monaten war es wieder fließend. Das war auch besser so. Die Sprachumerziehung war in manchen Gegenden etwas drakonisch, doch jetzt sind wir alle ein wenig Disney. Ich habe gehört, dass irgendwo im Osten eine Magnetfeldwand hochgezogen worden ist – das ehemalige Russland. Wie es da wohl ist? Aber dann kann ich den Chip in meinem Unterarm spüren. Er arbeitete auf Hochtouren und eine angenehme Ruhe breitet sich in mir aus.

Jeder wird individuell artgerecht gehalten. Was will man mehr?

 

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